Kommentar von Albert Franz
Aus den Augen, aus dem Sinn: Die Kirchen dringen nicht mehr durch

Auf Sinnsuche. Karikatur: Tomicek
Vielleicht ist es dem Schock geschuldet: "Schmerzlich" nennt Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, den jüngsten Rekord bei der Zahl der Kirchenaustritte. Hinter der Einsilbigkeit verbirgt sich Ratlosigkeit. Gerade ein Kardinal wie Marx, den Menschen zugewandt, wird sich fragen, was die Kirchen noch anstellen sollen, um wieder wahrgenommen zu werden.

Die Ursachenforschung läuft, und das seit Jahren. Langfristige Trends wie die sinkende Bindekraft von Parteien, Gewerkschaft und Verbänden verbünden sich mit kurzfristigen. Natürlich wirken der Missbrauchsskandal und der Finanzskandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst noch immer nach. Natürlich hat das neue Einzugsverfahren der Kirchensteuer auf Kapitalerträge viele Gläubige verstört. Und Papst Franziskus mag beim Publikum besser ankommen als sein Vorgänger, aber er wird den Trend weg von der Kirche nicht umkehren können. Dabei täte Orientierung Not. Die Kirchen aber dringen nicht mehr durch in einer Gesellschaft, in der Dresscodes wichtiger sind als die Zehn Gebote. In der Social Media vorgeben, das Gemeinwesen und soziale Kontakte zu ersetzen. In der Markt und Konkurrenz das Tempo bestimmen. In der die Kirchen, wie es ein Religionssoziologe ausdrückte, sogar das Monopol im Todesfall, also bei Bestattungen, verlieren.

Laut Statistik hat das Bistum Regensburg im Westen mit 17 Prozent noch die eifrigsten Gottesdienstbesucher. Ein echter Trost aber ist selbst das nicht.

albert.franz@derneuetag.de
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