Kommentar von Albert Franz
Bedingt einsatzfähig: von der Leyen nimmt den Mund zu voll

So hatten sich das Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier und Ursula von der Leyen vermutlich nicht vorgestellt. Im Februar hatten sie gemeinsam den Chor angestimmt, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen in der Welt, dürfe sich nicht nur in der Zuschauerrolle gefallen und im heimeligen Pazifismus räkeln. Gut ein halbes Jahr später sieht die Welt ganz anders aus: Ebola, Ukraine, IS-Terrormilizen. Dazu so viele Flüchtlinge wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ist am Verzweifeln: Es sehe so aus, "als falle die Welt auseinander".

Und wo steht Deutschland? Die ersten Waffenlieferungen in den Irak hängen am Flughafen in Leipzig, weil die niederländische Transportmaschine defekt ist. Warum eigentlich fliegt die Bundeswehr nicht selbst? Die sechs Ausbilder, die die Kurden im Gebrauch der Waffen schulen sollten, mussten tagelang in Bulgarien ausharren, weil ihnen die Einreise verweigert wurde. Sieht so perfekte Planung aus?

Und plötzlich kommt eine Schreckensmeldung nach der anderen aus der Bundeswehr: Die Marine kann nur 5 ihrer 43 Hubschrauber einsetzen, von 180 Boxer-Transportfahrzeugen sind 110 in der Instandsetzung. Lediglich jeder zweite der 114 Panzer vom Typ Leopard 2 ist kampfeinsatztauglich. "Bild" meldet, nur 42 der 109 Eurofighter und 38 der 89 Tornados seien derzeit verfügbar.

Mag sein, dass sich die Bundeswehr gerade einsatzunfähig rechnet, um nicht noch mehr gefordert sein. Mag sein, dass ein paar Planer jetzt die Chance für eine milliardenschwere Aufstockung des Verteidigungsetats wittern. Aber auch wenn nur die Hälfte der Berichte stimmt, bleibt das Bild einer erschreckend desolaten Verteidigung. Dafür wären dann nicht nur die amtierende Ministerin, sondern auch ihre Vorgänger verantwortlich. Und die nassforsche Ursula von der Leyen müsste sich fragen lassen, ob sie den Mund nicht allzu voll nimmt.

Immerhin: Etwa 2000 Freiwillige der Bundeswehr haben sich nach dem Aufruf der Ministerin gemeldet, um in den Ländern der Ebola-Krise zu helfen. Das könnte ein Hinweis sein, dass es nicht an der Truppe, sondern am Apparat krankt. Der erste deutsche Ebola-Hilfsflug soll heute Vormittag nach Westafrika starten - falls nicht wieder die Maschine streikt.

albert.franz@derneuetag.de
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