Kommentar von Albert Franz
Das Glück der Freiheit ist kein Selbstläufer

Rückblick. Karikatur: Tomicek
Da sind sie wieder, die Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt haben. Der etwas von Reisefreiheit stammelnde Günter Schabowski, die ratlos dreinblickenden Grenzbeamten, das Hoffen und Bangen der DDR-Bürger, das ungläubige Staunen, als sich der Schlagbaum öffnet. Schließlich die Mauer, wie sich die Menschen aus Ost und West ihrer bemächtigen.

"Freiheit ist das Einzige, was zählt", sang Marius Müller-Westernhagen. Aber wir wissen sie nicht mehr zu schätzen. Die Deutschen kümmert wenig, was der US-Geheimdienst NSA mit unseren Daten treibt. Arglos liefern wir uns Facebook und Google aus, die bald mehr über uns wissen als die Stasi jemals über ihre Staatsfeinde in Erfahrung bringen konnte. Algorithmen nehmen uns das Denken ab, aber natürlich alles nur zu unserem Besten. Wir lassen uns führen und gängeln, auch von einer überbordenden Bürokratie, die alle Lebensbereiche durchdringt, bis zur neuesten Erfindung, dem Zwang zum Reifendruckkontrollsystem. Auch daher rührt die ketzerische Frage, wer hier wen übernommen hat, der Westen den Osten oder umgekehrt?

Der Siegeszug der Demokratie hat Osteuropa befreit, aber die Arabellion hat auch gezeigt, dass das westliche Demokratiemodell kein Selbstläufer ist. Gerade mal Tunesien ist noch auf gutem Weg, aber in Ägypten regieren wieder die Militärs, in Libyen herrscht das Chaos und Syrien versinkt im Gemetzel eines Krieges von jedem gegen jeden. Heute wissen wir, dass der Mauerfall nicht das Ende der Geschichte war. Al-Kaida verblasst angesichts der marodierenden, islamistischen Mörderbanden im Irak und in Syrien. In Russland feiern Nationalismus und Orthodoxie ihre Wiederauferstehung. Und die Machtprobe mit dem Staatskapitalismus chinesischer Prägung steht noch aus.

Wir feiern Freiheit und Einheit, aber wir bauen wieder Mauern, wenn auch ohne Selbstschussanlagen. Europa schottet sich ab an den spanischen Außenposten in Melilla und Ceuta, in Griechenland, möglicherweise bald auch in der Ukraine. Freiheit unter Vorbehalt. Nein, es war keine gute Idee von Norbert Lammert, den verbitterten Wolf Biermann zur Einheitsfeier zu bitten. Es war zu erwarten, dass er Galle spuckt. Dabei wäre der 25. Jahrestag des Mauerfalls eine gute Gelegenheit gewesen, das Glück der Freiheit fortzuschreiben.

albert.franz@derneuetag.de
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