Kommentar von Albert Franz
Der Kulturkampf um Europas Seele tobt

Zähes Asylverfahren. Karikatur: Tomicek
Man bekommt die Bilder nur schwer aus dem Kopf. Menschen, die in Calais über Zäune steigen, um wie auch immer durch den Eurotunnel zu kommen. Familien, die in Mazedonien Züge entern, um über Ungarn in die gelobte EU zu gelangen. Und fast schon wieder vergessen: die Flüchtlinge, die auf Nussschalen den Weg übers Mittelmeer suchen.

Noch nie kamen mehr Flüchtlinge nach Deutschland als im Juli, sagen die Statistiker. Machen wir uns nichts vor: Die jetzige Flüchtlingswelle könnte erst der Anfang einer Völkerwanderung sein. Jetzt rächt sich, dass die internationale Staatengemeinschaft versagt hat - beim Nationbuilding im Irak und in Afghanistan, bei der Armutsbekämpfung in Afrika, bei der Befriedung Syriens. Und was fällt uns ein: Wir errichten neue Grenzzäune in den spanischen Exklaven Ceuta und Mellila, an der ungarischen Grenze oder in Calais. Abschottung, Abschreckung, Abschiebung. Eine Lösung ist das nicht. Denn: So hässlich und erbarmungslos wird Europa hoffentlich nie werden, dass diese Strategie sich durchsetzt. Der Kulturkampf ist in vollem Gange. Er wird nicht mehr an den Stammtischen entschieden, sondern in den sozialen Netzwerken. Zwischen der größten Hilfsbereitschaft und der abgründigsten Hetzkultur, die es je gab. Europa hat viel zu verlieren. Nämlich seine Seele.

albert.franz@derneuetag.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Kommentare (5736)August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.