Kommentar von Albert Franz
Der nächste Schritt: Die Befreiung fühlen und feiern

"... kerngesund!" Karikatur: Tomicek
Es ist ein Gedenkmarathon, dieses sperrige Jahr sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auschwitz, Flossenbürg, Dachau. Nach den Jahren der Verdrängung hat Deutschland eine beispielhafte Gedenkkultur entwickelt. Fast könnte man von einer Gedenk-Routine sprechen. Kein Politiker mehr, der über unausgesprochene Gänsefüßchen stolpert, kein falscher Zungenschlag.

Dennoch darf Deutschland nicht stehen bleiben beim Gedenken. Deshalb ist es wichtig, dass Bundespräsident Joachim Gauck jetzt auch den Anteil der Roten Armee am Sieg über Nazi-Deutschland hervorhob. Deshalb ist es wichtig, dass die Gedenkstättenarbeit weitergeht, auch wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können.

30 Jahre ist es her, dass der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai in seiner historischen Rede als Tag der Befreiung bezeichnete. "Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg", sagte Weizsäcker damals.

30 Jahre später muss man sich fragen, ob wir nicht doch Grund haben, uns an den Siegesfesten zu beteiligen. Ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, das Gedenken an die in deutschem Namen begangenen Verbrechen mit einer Feier der Befreiung zu verbinden. Sicher, die Scham im Blick zurück ist überwältigend, aber darf sie mächtiger sein als die Freude über das Ende eines menschenverachtenden Irrweges? Es muss endlich gelingen, den 8. Mai 1945 nicht mehr als Niederlage, sondern als Befreiung zu empfinden. Auch diesen letzten Schritt zur Erkenntnis sind wir den Opfern schuldig. Wenn noch nicht zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, dann vielleicht zum 75. oder 80. Jahrestag.

albert.franz@derneuetag.de
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