Kommentar von Albert Franz
Die echte Tragödie kennt keine Helden, sondern nur Verlierer

Was bleibt ... Karikatur: Tomicek
Es ist so leicht dahingeschrieben. Und doch erfüllt das Tauziehen um Griechenland fast alle Kriterien der klassischen griechischen Tragödie. Da ist die sich immer deutlicher abzeichnende Katastrophe. Eine ausweglose Lage, in der die handelnden Personen durch jedwedes Tun nur schuldig werden können. Es gibt keinen Königsweg, keine Rettung, ohne die eigenen Werte zu verraten.

Die Staats- und Regierungschefs der 19 Euro-Länder haben nur die Wahl, ob sie sich mehr am griechischen Volk versündigen wollen oder an den europäischen Steuerzahlern. Ob sie eher Solidarität üben wollen oder der Stabilität von Euro und Europa den Vorrang geben. Dahinter verbirgt sich der Streit zwischen Technokraten und Ideologen, zwischen globalem Kapitalismus und dem Modell Wohlfahrtsstaat. Eine Machtprobe, die letztlich in die Frage mündet, ob Europa am deutschen Wesen genesen soll, oder eine linke griechische Regierung die europäische, ökonomische Leitkultur aushebelt.

"Schuldlos schuldig", auch das ist eines der Kernelemente der Tragödie. Es kommt erschwerend hinzu, dass die Geldgeber der festen Überzeugung sind, die Syriza-Regierung fühle sich nicht schuldig genug, wenn nicht sogar unschuldig. So hat es der Philosoph Slavoj Žižek ausgedrückt. Und zur Tragödie gehört, dass die Ausweglosigkeit am Ende die handelnden Personen zerstört. Das ist die große Gefahr für Angela Merkel und Wolfgang Schäuble als die tonangebenden Kräfte bei der Griechenland-Rettung. Selbst ein Triumph könnte ihnen nachhaltig schaden.

albert.franz@derneuetag.de
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