Kommentar von Albert Franz
Die eigentliche Schicksalswahl steht Griechenland noch bevor

Rekordhitze. Karikatur: Tomicek
Wie auch immer das Votum am Sonntag ausfällt: Die Schulden Griechenlands werden nicht verschwinden. Mehr als sieben Milliarden Euro müsste Athen allein bis Mitte August an IWF und EZB zurückzahlen. Griechenland steht nicht am Abgrund, es ist schon längst drei Schritte weiter. Schuld daran ist auch die Troika, weil sie sich fünf Jahre lang darauf verlassen hat, dass sich mit der Macht des Geldes ein Staat machen lässt.

Griechenland-Fan Christian Ude hat jüngst erzählt, dass er einen Anwalt beauftragen musste, damit er Grundsteuer bezahlen durfte für seine dortige Immobilie. Und er bedauert zutiefst, dass auch die Regierung Tsipras gefangen ist in den alten Seilschaften.

Ernstzunehmende Ökonomen rechnen vor, dass sich die Kosten für die Sanierung Griechenlands nicht wesentlich unterscheiden, ob in Athen nun mit der alten Drachme oder wie bisher mit dem Euro bezahlt wird. Denn auch beim "Grexit" kann die EU Griechenland nicht ins Elend fallen lassen.

Jede Rettungsstrategie - mit oder ohne Alexis Tsipras und Gianis Varoufakis - ist zum Scheitern verurteilt, wenn sich die Griechen nicht aus der Geiselhaft der Korruption und der Oligarchen befreien. Dazu allerdings wäre ein totaler Neubeginn nötig. Denn alle politischen Kräfte, von ganz rechts bis ganz links, haben in den vergangenen fünf Jahren ihre Unfähigkeit bewiesen, ein funktionierendes Gemeinwesen zu schaffen. Daran wird auch die Volksabstimmung, dieser Akt der Verzweiflung, wenig ändern.

Die eigentliche Schicksalswahl steht Griechenland noch bevor: Dann geht es nicht darum, ob Athen sich dem Diktat der Geldgeber beugt, sondern ob es sich weiter von den Milliardären knechten lassen will.

albert.franz@derneuetag.de
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