Kommentar von Albert Franz
Die Verwahrlosung der politischen Debatte schreitet voran

"Wenn das keine Provokation ist ...!" Karikatur: Tomicek
Es gibt so etwas wie die Putin-Strategie: Wie das geht, hat er auf der Krim und in der Ostukraine vorgemacht: Täuschen, Tarnen, Tricksen. Etwas vornehmer nennt sich das "hybride Kriegsführung". "Hybrid" ist inzwischen auch das Kampfgeschehen zwischen Deutschland und Griechenland. Fünf Tage lang hat nun das Stinkefinger-Video des Gianis Varoufakis Europa bewegt - als ob es nichts Wichtigeres gäbe.

Doch von vorn: Journalistisch ganz sauber war es nicht, wie Günther Jauch den griechischen Finanzminister am Sonntagabend vorführte. Ganz glaubhaft war es nicht, wie Varoufakis verärgert die Echtheit des Videos bestritt. Und der Faktencheck, den die Jauch-Redaktion versprach, förderte nur zutage, dass die Videosequenz aus dem Kontext gerissen und nicht ganz korrekt erklärt worden war.

So weit, so schlecht. Wäre da nicht noch der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann, der nichts eiligeres zu tun hat, als in die offene Wunde zu stoßen und sich aufwendig als Urheber des Stinkefinger-Fakes zu outen, das dann doch keiner war. Ja, Satire darf das.

Aber zurück bleibt eine genarrte Nation, verunsichert, weil sie nicht mehr weiß, was und wem sie glauben soll. Die Grenze zwischen Fake und Realität verschwimmt. Statt das zu bedauern, erfreut sich vor allem die Netzgemeinde an den Viertel- und Halbwahrheiten, die so wunderbar der Erregtheit dienen. Nichts ist offenbar zu ernst, um nicht in der Grauzone der Halbanonymität zerredet zu werden. Leider sind der Fall Griechenland und die Stinkefinger-Episode nur ein Beispiel dafür, wie verwahrlost und verantwortungslos die politische Debatte geworden ist.

albert.franz@derneuetag.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Kommentare (5736)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.