Kommentar von Albert Franz
Eine barmherzige Kirche muss auch verzeihen können

Die Zeichen stehen nicht schlecht. Papst Franziskus wünscht sich eine offene Diskussion. Nicht um theologische Höhenflüge oder kirchenrechtliche Winkelzüge soll es gehen bei der Familiensynode. Sondern um die Lebenswirklichkeit der Menschen. Um Sex vor der Ehe, um Verhütung, um Patchwork-Familien, um Paare ohne Trauschein, um wiederverheiratete Geschiedene - also um das Leben jenseits des Katechismus.

Die Hardliner unter den Kardinälen fetzten sich schon vor der Synode mit den Reformern, als ob es um den Untergang des christlichen Abendlandes ginge. Dabei erwartet niemand von der katholischen Kirche, dass sie dem Zeitgeist hinterherläuft, dass sie Glaubenssätze über Bord wirft. Aber wo Regelverstöße zur Regel werden, muss sie Antworten geben, statt Ideale wie eine Monstranz vor sich herzutragen, ohne sich um die Seelennöte der Menschen zu kümmern. Nun, Beschlüsse sollen auch nach den zwei Wochen nicht verkündet werden. Vielleicht nach der zweiten Familiensynode im Herbst 2015. Diese Frist darf man der Kirche getrost einräumen. Dann aber wird der Papst den Beweis antreten müssen, dass er es ernst meint mit der dem Menschen zugewandten, der barmherzigen, der verzeihenden Kirche.

Wie hat ein Kollege von der Katholischen Nachrichten-Agentur so treffend geschrieben: Franziskus habe immer wieder deutlich gemacht, "dass ihm eine lebendige Kirche, auch wenn sie bisweilen mit der Lehre in Konflikt gerät, allemal lieber ist als eine leere Kirche mit dem Siegel der Glaubenskongregation". Das muss sich - jenseits der reinen Lehre - irgendwann auch in der kirchlichen Praxis niederschlagen. Denn Kirche ist kein Selbstzweck.

albert.franz@derneuetag.de
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