Kommentar von Albert Franz
Es gibt keine Religionen erster, zweiter oder dritter Klasse

Voll normal. Karikatur: Tomicek
Man hatte es irgendwie kommen sehen: Warum sollten Ordensschwestern im Nonnenhabit unterrichten dürfen, aber muslimische Lehrerinnen nicht mit Kopftuch? Diese Ungleichbehandlung konnte auf Dauer keinen Bestand haben. Nichts ist beständiger als der Wandel. Das Bundesverfassungsgericht hat sich damit als lernfähig erwiesen, sein eigenes Urteil aus dem Jahr 2003 korrigiert.

Noch gravierender als die weitgehende Freigabe der Kleiderordnung ist aber der zweite Aspekt des Karlsruher Urteils: Denn das Gericht kippte alle Passagen in den Landesschulgesetzen, mit denen christliche Werte und Traditionen bevorzugt werden sollten. Daran wird vor allem die CSU in Bayern noch schwer zu kauen haben.

Da ist sie also wieder, die müßige Diskussion, ob der Islam ein Teil Deutschlands ist. Die Karlsruher Richter haben die Frage unmissverständlich mit Ja beantwortet. Und weil das Grundgesetz die Religionsfreiheit predigt, gibt es auch keine Religionen erster, zweiter oder dritter Klasse.

Letztlich ist das Karlsruher Urteil wieder einmal ein Aufruf zu Toleranz und Respekt, gegen ein Klima der Angst, gegen Parallelwelten und No-go-Zonen. Wer Glaubensfreiheit für sich an Anspruch nimmt, muss sie auch anderen gewähren. Das gilt für Ordensgewand, Kopftuch und Kippa gleichermaßen.

albert.franz@derneuetag.de
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