Kommentar von Albert Franz
Flucht-Gedenktag: Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war

Vor einem Jahr, am 15. September 2014, beging Bayern erstmals den landesweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation. Damals konnte niemand wissen, welche Brisanz dieser Gedenktag bekommen würde. An diesem Sonntag nun wehen die Fahnen wieder vor den staatlichen Dienstgebäuden - nur ist Europa nicht mehr, was es einmal war. 50 000 Flüchtlinge erreichten in der vorigen Woche über die Balkan-Route Deutschland. 40 000 weitere könnten es allein dieses Wochenende werden. Ein menschliches Drama.

Die Diagnose der CSU ist richtig: "Wir haben die Kontrolle verloren." Die Schuldzuweisung an die Kanzlerin allerdings ist falsch: Den Stöpsel hätte niemand mehr auf die Flasche bekommen, auch ohne das Signal aus Berlin, die Flüchtlinge aufzunehmen. Eigentlich muss man sich nur die Bilder von den Lagern im Libanon, in Jordanien und in der Türkei anschauen, in denen Hunderttausende ihr Dasein fristen. Nicht nur aus den Kriegsgebieten, auch aus diesen Lagern speist sich der Flüchtlingsstrom.

Was ist zu tun? Zuallererst muss der dumme Kleinkrieg zwischen den "besorgten Bürgern" und den angeblichen "Gutmenschen" aufhören. Dazu ist die Herausforderung zu groß. Und dann wird die Politik Mittel und Wege finden müssen, die Völkerwanderung zu kanalisieren. Dabei ist es ein gefährlicher Kurzschluss, allein auf Ungarn zu setzen. Wenn Budapest die Grenzen dicht macht, suchen sich die Flüchtlinge neue Wege. So bitter es sein mag: Billige Lösungen gibt es nicht mehr.

albert.franz@derneuetag.de
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