Kommentar von Albert Franz
In der Work-Life-Balance kommt Familie immer noch zu kurz

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hätte ihren Job verfehlt, wenn sie nicht laut jubeln würde. Erstmals steigen die Geburtenzahlen in der Bundesrepublik wieder signifikant an. 715 000 Kinder erblickten im vorigen Jahr in Deutschland das Licht der Welt. Sollte das politische Ringen um Elterngeld, Kita-Ausbau und Betreuungsgeld also doch nicht ganz vergeblich gewesen sein?

Die Statistiker sind da wesentlich nüchterner. Eine große Trendwende sehen sie nicht, geschweige denn eine langfristige. Zwar bringen die Frauen heute durchschnittlich 1,4 Babys zur Welt, vor knapp 20 Jahren waren es gerade 1,25. Aber schon nach 2020 wird die Zahl der Frauen im Alter zwischen 26 und 35 wieder deutlich schrumpfen, so dass es auch mit den Geburten wieder abwärts gehen könnte.

Und die eigentlichen Probleme bleiben. Im Schnitt erst mit 30 bekommen die Frauen heute ihr erstes Kind. Dabei meinen es die meisten nur gut: Denn der Drang zur Perfektion ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Elternschaft. Die Mittzwanziger wollen nicht nur viel erlebt haben, bevor sie an Kinder denken. Sie wollen sich auch in kein materielles Abenteuer stürzen. Deshalb kommt zuerst die große Wohnung, die Karriere, der sichere Job.

Trotz des Ausbaus der Kinderbetreuung: Für den Karriere-Knick, den viele Frauen durch ihren Nachwuchs erleiden, ist bis heute keine Abhilfe gefunden. Und mehr Zeit für die Familie bleibt gerade in der Rush-Hour des Lebens eine Illusion. Stattdessen stöhnt die sogenannte Sandwich-Generation unter der Doppel- und Dreifach-Belastung, weil sie sich nicht nur um den eigenen Nachwuchs kümmern, sondern womöglich auch noch die eigenen Eltern pflegen soll. Allein mit Vätermonaten und Pflegezeit wird dieser Schieflage in der Work-Life-Balance nicht beizukommen sein.

albert.franz@derneuetag.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Kommentare (5732)August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.