Kommentar von Albert Franz
Kanzlerdämmerung: Zum Dienstjubiläum sinkt Merkels Stern

Gefühlsduselei ist ihre Sache nicht. Und dennoch muss es erlaubt sein, sich kurz vorzustellen, wie sich Angela Merkel am Sonntagabend nach getaner Arbeit in ihren Ledersessel sinken lässt. Nach zehn Jahren Kanzlerschaft weiß man viel über diese Frau, aber nicht einmal, ob sie auf ihr Dienstjubiläum mit Joachim Sauer vielleicht mit einem Piccolo, einem Whiskey oder Orangensaft anstoßen wird.

Das Jubiläum ist getrübt. Denn wegen der Flüchtlingspolitik schlägt der Kanzlerin purer Hass entgegen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Regierungschef hin und wieder an seinen Amtseid erinnert oder zum Rücktritt aufgefordert wird. Die Hasstiraden aber, geschürt von Pegida- und AfD-Sympathisanten, begnügen sich nicht mit einem "Merkel muss weg". Manche werfen der Kanzlerin sogar "Landesverrat" vor.

Aber auch in der Union fragen sich viele, wie mit dieser Kanzlerin noch Wahlen zu gewinnen sein sollen. Deshalb war ihr Auftritt bei der CSU in München so entlarvend. Üblicherweise gingen die obligatorischen Störfeuer aus München auf den CSU-Parteitagen nahtlos in Huldigungen des Parteivolks über. Diesmal aber war alles anders. Kein überschwänglicher Empfang, verhaltener Applaus, unterkühlte Stimmung, dazu eine Merkel-Rede kürzer und noch spröder als sonst.

Die Entfremdung sitzt tief. Mehr Bundespolizei an Bayerns Grenzen, aber weiter keine Obergrenze für Flüchtlinge, so wie sie der CSU-Leitantrag fordert. Das war es nicht, was die CSU-Basis von Merkel hören wollte. Horst Seehofer im Stimmungshoch, die Kanzlerin im Umfragetief, verlassen auch von Teilen der eigenen Gefolgschaft: So verfestigt sich die Kanzlerdämmerung. Und Merkel kann nicht einmal darauf hoffen, dass die Zeit für sie arbeitet.

albert.franz@derneuetag.de
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