Kommentar von Albert Franz
Merkel darf zum Fremdenhass nicht länger schweigen

Es ist die Zeit der großen Gefühle. ZDF-Anchorman Claus Kleber versagt die Stimme, als er die Meldung verliest, wie ein Busfahrer - ganz unorthodox - 15 Asylbewerber per Durchsage in Deutschland willkommen heißt. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping schüttelt sich angeekelt ab, wenn sie die hasserfüllten, fremdenfeindlichen Kommentare mancher ihrer Landsleute auf Facebook liest. Und ein Til Schweiger verliert die Fassung, weil er sich nicht mehr zurechtfindet zwischen dem Beifall der Gutmenschen und den Tiraden der Fremdenfeindlichkeit.

Schlimmer noch: Es bleibt nicht bei Gefühlsausbrüchen. Mutmaßliche Rechtsextremisten fackeln die Scheune eines Ehepaares ab, das seit Jahren für Toleranz und Demokratie kämpft. Der Mob tobt nicht nur im Internet. Angela Merkel, die seit Montag wieder im Dienst ist, kann nicht verborgen geblieben sein, dass sich ihr Land angesichts der Flüchtlingsfrage gerade spaltet wie selten zuvor. Das hat nicht nur mit der Angst vor Überfremdung zu tun, es ist auch Ausfluss der sozialen Gräben im Land. Menschen, die zu kurz gekommen sind oder sich auch nur als Zukurzgekommene fühlen, können mit Solidarität wenig anfangen. Deshalb muss Merkel, die sonst so gern von Leitplanken spricht, endlich Klartext reden, was geht, und was nicht geht.

Die Szene, als das von der Abschiebung bedrohte Flüchtlingsmädchen Reem in Tränen ausbrach, weil die Kanzlerin auf die Rechtslage verwies und zum Trost über das Haar des Mädchens strich, zeigt das ganze Dilemma: Merkel schwankt zwischen Gefühl und Rechtslage. Das ist noch keine Haltung. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder hat seinerzeit den "Aufstand der Anständigen" gefordert. Das wird in der aufgeheizten Stimmung heute nicht mehr reichen. Dazu ist der Hass schon viel zu laut, viel zu gewaltbereit und viel zu weit verbreitet.

albert.franz@derneuetag.de
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