Kommentar von Albert Franz
Merkel weiß, dass sie sich nicht übernehmen darf

"Wir schaffen das!" Wie eine Monstranz trägt Angela Merkel diesen Satz inzwischen vor sich her. Fast trotzig, so als müsste sie nicht nur jenen, die an ihrer Flüchtlingspolitik zweifeln, sondern auch sich selbst Mut zusprechen.

Länder und Kommunen hat Berlin zunächst mit einem Milliarden-Regen besänftigt. Der Unmut in der Union allerdings bleibt. Bezeichnend sind die Nuancen, mit denen die Merkel-Getreuen vorsichtig auf Distanz gehen. Innenminister Thomas de Maizière zum Beispiel, der immer wieder vor einer Überforderung Deutschlands warnt. Oder Unionsfraktionschef Volker Kauder, Merkels Mehrheitsbeschaffer, der für Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen kämpft, obwohl die Kanzlerin tapfer erklärt hat, das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenze.

Die Entfremdung zwischen CDU und Merkel schreitet voran. Für die CSU ist sie fast schon nicht mehr "unsere Merkel". Und noch weit unflätiger ist die Kritik, wie sie sich im Internet über die Kanzlerin ergießt. Da erfährt Merkel zwar auch viel Lob für ihre humanitäre Geste, aber weit mehr Unverständnis, ja Hass. Da gilt sie manchen längst als Vaterlandsverräterin, die Deutschland in den Ruin treibt, oder als Totengräberin des christlichen Abendlandes.

Die Umfrageergebnisse sprechen Bände: Die Kanzlerin hat deutlich an Ansehen verloren und musste ihre Spitzenplätze abgeben. Die Unruhe in der Union wächst, weil Merkel vielen zu weit vorgeprescht ist. Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, ob sie mit der Flüchtlingsfrage dasselbe Schicksal ereilt wie Gerhard Schröder mit der Agenda 2010. Merkel weiß, dass auch die richtige Politik das Amt kosten kann. Schon deshalb könnte sie es schaffen.

albert.franz@derneuetag.de
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