Kommentar von Albert Franz
Piëchs ruhmloser Abgang: Das VW-Imperium schlägt zurück

Crash-Test. Karikatur: Tomicek
Je höher, desto dünner die Luft. Ferdinand Piëch hielt sich ziemlich lange ziemlich weit oben. Mehr als 22 Jahre stand er als Vorstands- oder Aufsichtsratschef an der Spitze des zweitgrößten Autoherstellers der Welt. Als Herr über zwölf Automarken, fast 120 Werke und rund 600 000 Beschäftigte schrieb er Industriegeschichte.

Und die dünne Luft machte ihm wenig aus, weil er im Zweifelsfall das Sagen hatte. Er galt als gnadenlos, machtbesessen und selbstherrlich. Und er ließ selbst engste Vertraute über die Klinge springen. "Er oder ich" - nach dieser Devise hat Piëch jahrzehntelang regiert. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn - und musste gehen. So entschied er jeden Machtkampf für sich. Bis auch für ihn die Luft zu dünn wurde. Als er Vorstandschef Martin Winterkorn zum Abschuss freigab, konnte er noch nicht ahnen, dass er sich übernehmen würde. Das Machtzentrum von VW hat sich ins Abseits manövriert. Piëch hat nicht damit gerechnet, dass auch Winterkorn mächtige Unterstützer hat - auf der Arbeitnehmerseite, mit dem Land Niedersachsen als Großaktionär, ja sogar beim Mehrheitsaktionär, der Porsche-Familie.

Als greiser, zahnloser Löwe, nur noch geduldet vom Rudel, wollte Piech nicht enden. Deshalb machte er den radikalen Schnitt. Mit dem Abschied des Patriarchen hat VW die Chance, sich neu aufzustellen. Das heißt vor allem, die richtige Balance zwischen zentralen Vorgaben und dezentralen Führungsstrukturen zu finden.

albert.franz@derneuetag.de
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