Kommentar von Albert Franz
Römisches Reförmchen: Wunder dauern etwas länger

Die wievielte Synode über Familie und Ehe war das doch gleich? Und wie oft schon hat sich die Deutsche Bischofskonferenz mit heißen Eisen wie den wiederverheirateten Geschiedenen auseinandergesetzt? Und was haben die Laienorganisationen nicht alles versucht, um dem Vatikan die Lebenswirklichkeit der Menschen näher zu bringen? Schließlich sind sie extra von Rom befragt worden. Gemessen an den Erwartungen konnte die Synode also nur scheitern.

Wunder dauern etwas länger, gerade in Rom. Die Kirche ist ein großer Tanker. Schnelle Kurskorrekturen sind nicht zu erwarten - auch von Papst Franziskus nicht. Seine Politik der Nadelstiche gegen das vatikanische Establishment ist bemerkenswert genug. Mühsam versuchte er, eine offene Diskussion zu befördern. "Die Glaubenslehre ist kein Museum, das man nur anschaut oder bewahrt." Mit Sätzen wie diesen verunsichert er jene, die das Kirchenrecht für unveränderlich halten und es wie eine Monstranz vor sich her tragen.

Die Familiensynode hat aber auch gezeigt, wie mächtig die konservativen Kreise um den früheren Regensburger Bischof und jetzigen Chef der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, noch sind. Das liegt allerdings nicht nur am Beharrungsvermögen der Reformgegner, sondern auch an den sehr unterschiedlichen Sichtweisen in den Kulturkreisen dieser Welt. Deutsche Fortschrittlichkeit verträgt sich eben schlecht mit amerikanischem Puritanismus und afrikanischer Prinzipientreue.

Deshalb blieb die "Revolution der Barmherzigkeit", die Papst Franziskus gepredigt hat, aus. Vorerst zumindest. Doch die Reformer setzen darauf, dass der Mehrheitsbeschluss zumindest die Option offenhält, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Dazu soll die Tür einen Spalt weit geöffnet werden für mehr Einzelfallentscheidungen in den Diözesen. Das bedeutet ein Stück Dezentralisierung mit dem Segen von Rom, ohne an der reinen Lehre zu kratzen. Nicht mehr und nicht weniger.

albert.franz@derneuetag.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Kommentare (5733)Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.