Kommentar von Albert Franz
Wendepunkt: Die Flüchtlingskrise schreit nach Lösungen

Man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Es könnte einer jener historischen Momente sein, wo der Groschen fällt, wo etwas in Bewegung kommt. Der UN-Gipfel verabschiedet seine Agenda für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030. Papst Franziskus erläutert in New York seine Enzyklika "Laudato si" über globale Gerechtigkeit und Klimaschutz. Am Rande der UN-Vollversammlung glühen die Drähte, wie man den syrischen Machthaber Assad zur Räson bringen könnte. Und: Sogar Obama und Putin sprechen wieder miteinander.

Vielleicht löst das Schicksal der Millionen Flüchtlinge doch einen Schub aus, einen Quantensprung in der politischen Entwicklung. Die Vereinten Nationen - nicht als Quatschbude, wie sie meist gescholten werden - sondern als Ort der Erkenntnis. Das wäre neu. Anlass zur Erkenntnis gäbe es genügend: Die Fluchtwelle aus den Krisenherden dieser Welt ist so mächtig, dass sie nach Lösungen schreit. Ob es nun die Flüchtlinge aus Bürgerkriegs-Syrien sind, die Terror-Flüchtlinge, die vor der Gewalt der Milizen des Islamischen Staates fliehen, die Opfer einer gescheiterten Interventionspolitik in Afghanistan oder im Irak, die Armutsflüchtlinge aus den desolaten Staaten Afrikas. Möglicherweise konnte der Papst die Staatenlenker sogar überzeugen, dass bald auch die Flüchtlinge folgen könnten, die vor den Auswirkungen des Klimawandels davonlaufen.

Die Flüchtlingskrise zeigt, wie schnell und mit welcher Wucht nationalstaatliches Denken an seine Grenzen stoßen kann. Wohlstand auf Kosten anderer funktioniert auf Dauer nicht. Kriegsfolgen sind immer weniger regional beherrschbar. Und die Folgen des Klimawandels schon gar nicht.

albert.franz@derneuetag.de
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