Kommentar von Albert Franz
Wir müssen uns nicht besaufen, aber anstoßen dürfen wir schon

Er wusste nicht, dass die Mikros schon an waren. "Eigentlich müssten wir uns jetzt besaufen." Diesen gänzlich undiplomatischen Satz flüsterte Helmut Kohl seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 10. Februar 1990 vor der eigens angesetzten Pressekonferenz im Kreml ins Ohr. Kurz zuvor hatte Michail Gorbatschow den Weg zur Wiedervereinigung freigemacht: Es sei Sache der Deutschen, den Zeitpunkt und den Weg der Einigung selbst zu bestimmen.

Gesagt, getan. Heute wissen wir, wie knapp das Zeitfenster bemessen war. Nicht einmal neun Monate später war das wiedervereinigte Deutschland geboren. Drei Fakten sollen für den Kraftakt stehen, der sich anschloss: Wissenschaftler schätzen die Kosten auf 1,3 bis 2 Billionen Euro. 3,3 Millionen Menschen siedelten seitdem um von Ost nach West, 2,1 Millionen von West nach Ost. Und: Mit im Schnitt 16 Euro sind die Ost-Löhne im Schnitt immer noch deutlich niedriger als West-Löhne mit 21 Euro.

25 Jahre danach hätten die Deutschen eigentlich allen Grund, stolz zu sein. Niemand wundert sich darüber, dass seit fast zehn Jahren mit Angela Merkel eine Ostdeutsche die operative Führung des Landes innehat. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass mit Joachim Gauck ein ehemaliger Ost-Pastor den Staat so gut repräsentiert, dass kaum einer etwas gegen eine zweite Amtszeit hätte - wenn er denn dazu bereit wäre. Keiner wundert sich darüber, dass Merkel als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis in Frage kommt. Und: Keiner wundert sich darüber, dass Deutschland führen soll, ob es nun um die Ukraine-Krise, die Griechenland-Rettung oder die Flüchtlingskrise geht.

Nein, Deutschland maßt sich diese Führungsrolle nicht an, sie wird dem Land förmlich aufgedrängt. Natürlich wegen seiner wirtschaftlichen Potenz, aber nicht nur wegen seiner Zahlungskräftigkeit. Deutschland hat im europäischen Konzert bewiesen, dass es seine Macht nicht missbraucht. Das muss so bleiben. Und dann gilt, um in Helmut Kohls Bild zu bleiben: Wir müssen uns nicht besaufen, aber anstoßen dürfen wir schon auf 25 Jahre Deutsche Einheit.

albert.franz@derneuetag.de
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