Kommentar von Alexander Pausch
Das Elend der Flüchtlinge ist eine Schande für Europa

Als vor wenigen Tagen der ehemalige Chef-Archäologe der syrischen Oasenstadt Palmyra, Khaled Asaad, von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) enthauptet wurde, war das Entsetzen in aller Welt groß. Der 81-jährige hatte im Laufe seines Lebens viele Freunde außerhalb seiner Heimat gewonnen, die nun mit Abscheu reagieren.

Doch für die Tausenden, die in Syrien und im Irak das gleiche grausame Schicksal erleiden, für die Tausenden Frauen, die versklavt und vergewaltigt werden, für die Kinder, die missbraucht oder als Kindersoldaten eingesetzt werden, erhebt niemand mehr seine Stimme. Ebenso wenig wie für die Zehntausenden Christen und Jesiden und anderen Minderheiten, die vertrieben werden und nun vor dem Nichts stehen.

Die Welt erlebt das größte Flüchtlingsdrama seit dem Zweiten Weltkrieg - doch bislang spielt sich dieses Drama vor den Toren Europas, in Afrika und im Nahen Osten ab. Es sind die Türkei, Jordanien, die kurdische Autonomieregion im Nordirak und der Libanon, die die Last der Flüchtlinge schultern. Sie drohen daran zu zerbrechen. Eine Beispiel: Im Libanon ist jeder vierte Bewohner ein Flüchtling. Genau dort musste des Welternährungsprogramm dieses Jahr die Nahrungsmittelhilfen senken, weil es zu wenig Zuschüsse erhält.

Im Nahen Osten gibt es für die Vertriebenen keine Perspektive. Es fehlen Schulen, Arbeitsplätze und vor allem Wasser sowie die realistische Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit. Kein Wunder, dass sich die Menschen auf dem Weg nach Europa machen. Doch Europa, das sich noch vor kurzen auf seine christlich-jüdische Wurzeln besinnen wollte, ist dabei diese zu kappen: Die menschenverachtende Jagd auf Ausländer in Sachsen, das Flüchtlingselend am Tunnel von Calais, die Fremdenhass schürende ungarische Regierung, die Ablehnung von Muslimen in der Slowakei sind nur einige besonders bittere Beispiele.

Achtung der Menschenwürde, Wahrung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Freiheit und Demokratie - Werte auf die sich die Länder der Europäischen Union berufen - werden mit Füßen getreten. Am Umgang mit den Flüchtlingen, entscheidet sich, was diese Werte Europa wert sind, und was Europa wert ist. Denn für die 500 Millionen Europäer wäre es ein leichtes die Flüchtlinge aufzunehmen, die anklopfen.

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