Kommentar von Alexander Pausch
Das falsche Spiel des starken Mannes vom Bosporus

Freundschaftsring. Karikatur: Tomicek
Seit Juni ist die Zeit der "Pax Erdogan" in der Türkei zu Ende. Nach 13 Jahren büßte die Partei des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die islamisch-konservative AKP, bei den Parlamentswahlen ihre Alleinherrschaft ein. Erdogan ist zwar noch immer der beliebteste Politiker im Land und er ist der erste, der direkt ins Amt des Staatsoberhaupts gewählt wurde. Das kann ihm niemand nehmen. Doch das Ringen um die Vorherrschaft im Land haben er und seine Islamisten verloren.

Der starke Mann vom Bosporus kann die Türkei nicht mehr alleine nach seinen Vorstellungen umgestalten. Er, der sich einen herrschaftlichen Palast bauen ließ, der an osmanische Herrscher und weniger an demokratisch gewählte Präsidenten erinnert, braucht nun einen Koalitionspartner. Dabei sind Kompromisse zuletzt nicht seine Stärke gewesen.

Auch für die Türkei Erdogans sind immer noch die Kurden die größte Gefahr, nicht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Schließlich bietet das Land bis heute Dschihadisten eine Autobahn nach Syrien.

Erdogans Kalkül, durch eine Dämonisierung der Kurden in möglichen Neuwahlen doch noch die Alleinherrschaft für seinen Partei zu sichern, wird nicht aufgehen. Er wird das Land vielmehr ins Chaos stürzen. Denn er gefährdet die einst von ihm eingeläutete Aussöhnung mit den Kurden. Längst strebt eine Mehrheit der Kurden eine politische Lösung an: Sie fordern kulturelle Autonomie, keinen eigenen Staat.

Die Luftschläge, die Verhaftungen spielen den PKK-Hardlinern in die Hände, die sich der Aussöhnung verweigern. Nun sollte sich niemand Illusionen über die PKK machen, die hierzulande zu Recht als Terrorgruppe eingestuft ist. Doch deren Kämpfer erwiesen sich in Syrien als die erfolgreichsten Bodentruppen der USA gegen den IS. Sie werden nun in die Türkei zurückkehren - zum Vorteil für die Terrormiliz IS und zum Schaden der Türken.

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