Kommentar von Alexander Pausch
Das Urteil von Göttingen verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins

Abgesegnet. Karikatur: Tomicek
Es ist noch nicht lange her, da wurden Ärzte als Halbgötter in Weiß tituliert. Als solcher gerierte sich der Transplantationsmediziner, der in Göttingen vor Gericht stand. Der Arzt nahm sich heraus, zu entscheiden, wer ein Spenderorgan bekommen sollte, und wer nicht. Nichts anderes war die Manipulation der Wartelisten.

Unabhängig davon, wie die damaligen Regeln zu bewerten sind, dürfte jeder der Einschätzung des Gerichts zustimmen, dass diese Manipulationen moralisch verwerflich sind. Der Freispruch für den Arzt, der zeitweise auch in Regensburg operierte, dürfte dagegen auf Unverständnis stoßen. Doch der entscheidende Satz des Vorsitzenden Richters lautet. "Die Verstöße des Angeklagten waren zum Tatzeitpunkt nicht strafbar." Zudem gelang es der Staatsanwaltschaft in den Augen des Gerichts offensichtlich nicht, einen Kausalzusammenhang herzustellen zwischen den Manipulationen und möglichen Todesfällen bei übergangenen Patienten auf der Warteliste.

Seit Juli 2012, als der Skandal bekannt wurde, ist viel Vertrauen zerstört worden. Durch das Urteil in Göttingen wird es nicht wiederhergestellt. Im Gegenteil, es verstärkt das Gefühl des Ausgeliefertseins. Doch Gerichte können zwar sühnen, bisweilen auch wiedergutmachen - Vertrauen müssen Politik, Kliniken und Ärzte stiften. Dazu gehören allgemeingültige, nachvollziehbare Regeln für Organspenden, wie sie inzwischen geschaffen wurden, - und der Verzicht auf Bonuszahlungen für Operationen. Denn auch diese spielen im Skandal von Göttingen eine unsägliche Rolle.

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