Kommentar von Alexander Pausch
Der Pragmatiker Tsipras könnte sich als guter Partner erweisen

"Neue Karten ... ?" Karikatur: Tomicek
Nicht wenige in Europa sprechen nach dem Ende des 17-stündigen Verhandlungsmarathons davon, dass Griechenland kapituliert und Deutschland gesiegt hat. Eine verheerende Rhetorik, wie so vieles, was in den zurückliegenden Wochen zum Verhältnis zwischen beiden Ländern gesagt worden ist. Ohne Zweifel sind es gerade die so geschlagenen Wunden, die lange nicht verheilen werden - auf beiden Seiten.

Berlin und Athen fühlen sich seit Monaten aus guten Gründen im Recht. Doch es geht nicht darum, Recht zu haben, sondern darum, ein Problem zu lösen und den Menschen zu einem Leben in Würde zu verhelfen. Spätestens die Berichte über die Verelendung in Griechenland nach der Schließung der Banken sollten jedem die Augen öffnen.

Der griechische Premier Alexis Tsipras hat diese schmerzhafte Lektion offensichtlich begriffen. Sein neuer Kurs ist von schierer Not getrieben, nicht von der Überzeugung, dass die Gruppe um Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble plötzlich die besseren Argumente hat. Gerade deshalb sollten die europäischen Regierungschef Tsipras mitkommen lassen und ihm eine Chance geben.

Am Ende könnte der linke Pragmatiker Tsipras ein verlässlicher Partner werden. Offensichtlich waren dies in den vergangenen fünf Jahren weder die griechischen Konservativen noch die Sozialdemokraten. Sonst würde heute niemand beklagen, dass in Griechenland die Verwaltung nicht funktioniert. Dabei hat Schäuble vor zwei Jahren beim Besuch in Neustadt/WN angekündigt, in Griechenland Projekte aufzulegen, die dem Land helfen sollen, wieder auf die Beine zu kommen. Eine große Unterstützung können diese nicht gewesen sein, sonst wäre die deutsche Politik heute in Griechenland nicht so verhasst.

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