Kommentar von Alexander Pausch
Die schärfste Waffe des Westens ist seine offene Gesellschaft

Seit den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf die Vereinigten Staaten läuft der weltweite Krieg gegen den Terror. Ausgerufen wurde er vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Dies zeigt, wie lange der Westen schon in den Zeiten dieses Krieges neuer Art lebt, wie Bundespräsident Joachim Gauck es formulierte.

Doch wohin hat die Kriegsanalogie die USA, den Westen gebracht? Der Irak ist zerbrochen, weil der spätere schiitische Regierungschef Nuri al-Maliki keine Interesse daran hatte, auch nach dem Abzug der US-Truppen am Ausgleich mit den Sunniten festzuhalten. Afghanistan versinkt seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes wieder im Strudel der Gewalt.

Zwar wurde Osama bin Laden von US-Spezialtruppen getötete, doch Al-Kaida ist nach wie vor aktiv, auch in Syrien. Wie viel besser wäre ein Prozess gewesen, der ihn demaskiert hätte? Selbst die Ausweitung der Kriegszone durch die Drohnenangriffe in Pakistan, im Jemen und in Somalia bis hin zur Sahelzone in Afrika unter US-Präsident Barack Obama hat das Vordringen der Dschihadisten nicht gestoppt. Dasselbe gilt für Luftangriffe auf die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Drohnen und Kommandoaktionen können die todesbereiten und todessuchenden Dschihadisten nicht abschrecken. Für sie ist der Kampf gegen "Kreuzzügler und Juden", den schon Osma bin Laden verkündet hatte, eine persönliche Pflicht. Von diesem Kampf versprechen sie sich persönliche Erfüllung - unfassbar für unser aufgeklärtes Denken. Denn während wir das Leben lieben, lieben sie den Tod.

Die schärfste Waffe gegen dieses menschenverachtende Denken sind unsere freiheitlichen Werte und unser Mitgefühl. Die Willkommenskultur ist ein Stachel gegen die Terrormiliz IS. Deren Anhänger leiden Höllenqualen, weil christliche Länder Muslime aufnehmen, die vor dem Kalifat fliehen. Die Leitlinie hat der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg im Jahr 2011 nach den rechtsextremistischen Morden von Utøya verkündet: "Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein. Wir lassen uns unsere offene Gesellschaft nicht kaputt machen." Das gilt auch gegenüber Dschihadisten, egal ob sie aus dem Nahen Osten kommen mögen oder aus den euro- päischen Vorstädten.

___

E-Mail an den Autor:

alexander.pausch@derneuetag.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Kommentare (5731)November 2015 (9610)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.