Kommentar von Alexander Pausch
Es braucht Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen

Fehl-Pass. Karikatur: Tomicek
Die Mohammed-Karikatur auf der Titelseite der ersten Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Blutbad in der Redaktion hat eine Debatte neu angefacht, die weiter zurückreicht, als das Aufkommen der Islamisten. Es geht um die Frage, ob eine Religion einer Gesellschaft vorschreiben darf, wie die Menschen zu leben haben.

In Europa gehört die Zeit dieser Kämpfe der Vergangenheit an. Die Europäer haben sich in der Aufklärung aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" befreit. Mit dem deutschen Philosophen Immanuel Kant gesprochen, haben sie den "Mut bewiesen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen".

Dies gilt bis heute: Ohne kritisches Ausleuchten und Hinterfragen auch von Religion, Glaubens- und Gottesvorstellungen gibt es keine Freiheit - weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft. Die katholische Kirche brauchte Jahrhunderte, um zu akzeptieren, dass zwischen Religion und Meinungsfreiheit ein Spannungsverhältnis bestehen muss. Einigen ihrer Würdenträger fällt dies noch immer schwer, und etliche christliche Gruppen sind dazu bis heute nicht bereit, so wie viele muslimische Theologen.

In der muslimischen Kritik an Mohammed-Karikaturen zeigt sich die tiefe Verunsicherung im Islam. Denn jemand, der sich seiner selbst und seines Glaubens gewiss ist, hat die Gelassenheit, Toleranz zu üben. Deutlich schwerer wiegt, dass muslimische Theologen das auch im Islam umstrittene Bilderverbot auf Nicht-Muslime ausweiten wollen. Das ist totalitär. Sogar im Koran steht: In der Religion gibt es keinen Zwang.

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