Kommentar von Alexander Pausch
Fall von Kundus signalisiert Scheitern des deutschen Einsatzes

Es dauerte einen Tag, bis auch das Bundesverteidigungsministerium realisiert hat, dass Kundus in die Hand der Taliban gefallen ist. Erst am Dienstag trat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor die Presse. Noch am Montag redete sich ihr Sprecher in der Bundespressekonferenz darauf hinaus, dass er keine Erkenntnisse zum Angriff auf die Provinzhauptstadt in Nordafghanistan habe.

Dabei steht die Stadt wie keine andere für die Höhen und Tiefen des deutschen Einsatzes am Hindukusch. Hier befahl ein deutscher Oberst einen Luftangriff, bei dem neben Taliban Dutzende Zivilisten starben. Hier zogen deutsche Soldaten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ins Gefecht, töteten, wurden verwundet und starben. Auch Männer und Frauen der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" aus Amberg.

Nicht wenige Soldaten der "Zwölfer" werden sich spätestens jetzt fragen, ob es das alles wert war. Zumal viele bis heute an Körper und Seele die Narben ihres Einsatzes in Afghanistan tragen. Gerade jene Soldaten der Brigade, die mehrfach in Afghanistan waren, sprachen im Oktober 2013, als sie Kundus verließen und das Feldlager an die afghanischen Armee übergaben, davon, dass sich die Lage verbessert habe - bei aller Skepsis, ob die Afghanen es wirklich schaffen würden.

Auch die Soldaten wussten, das Abzugsdatum war politisch gesetzt und nicht nach einer sicherheitspolitischen Analyse gewählt worden. Der Westen, auch Deutschland, war des Einsatzes in Afghanistan überdrüssig geworden. Dabei galt der Krieg gegen Al-Kaida und die Taliban in Afghanistan im Gegensatz zur Invasion im Irak als gerechtfertigter Krieg.

Nun signalisiert der Fall von Kundus das Scheitern des deutschen Einsatzes. Die Eroberung der Provinzhauptstadt mit ihren 300 000 Einwohnern ist für die Taliban ein riesiger Propagandaerfolg und eine Demütigung für den seit einem Jahr regierenden Präsidenten Aschraf Ghani. Daran ändert sich auch nichts, falls es den Sicherheitskräften gelingen sollte, die Taliban wieder zu vertreiben.

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