Kommentar von Alexander Pausch
Irak liegt in der Nachbarschaft Europas und nicht der USA

Die Volksabstimmung über die irakische Verfassung an diesem Samstag ist ebenso ein historisches Datum für das Zweistromland wie die Wahl des Übergangsparlaments im Januar. Damals trotzten die Männer und Frauen dem Terror. Sie ließen sich nicht einschüchtern und gingen zur Wahl. Diesmal dürfte es nicht anders sein.

Trotzdem ist es nicht der Befreiungsschlag, den sich viele in der US-Regierung erhoffen. Und auf keinen Fall läutet die Abstimmung den US-Abzug ein. Derartige Aussagen sind mehr als voreilig. Die US-Soldaten müssen noch auf Jahre im Irak bleiben. Offiziere und Experten, die nüchterner urteilen als jene, die einen Abzug für kommendes Jahr prophezeien, gehen von bis zu fünf Jahren aus.

Ohnehin gibt es viel zu wenig US-Soldaten im Irak. So gelingt es ihnen zwar in blutigen Kämpfen, die Terroristen aus einigen Orten zu vertreiben, doch diese kehren nach dem Abzug der US-Einheiten wieder zurück. In weiten Teilen des Landes kann deshalb von Sicherheit keine Rede sein. Rund 1530 US-Soldaten und mehr als 30 000 Iraker sind seit 2003 dem Terror zum Opfer gefallen. Es herrscht Bürgerkrieg. Denn die mit El Kaida verbundenen Terroristen schüren den blutigen Konflikt zwischen den Religions- und Volksgruppen.

Der Irak ist zur Terrorbrutstätte geworden, die auch auf Europa ausstrahlen wird. Ein Scheitern der USA kann deshalb niemand wünschen. Das muss sich auch die künftige große Koalition in Berlin vor Augen halten. Der Irak liegt in unserer Nachbarschaft, nicht in der der USA. Das lässt sich schon an den Begriffen erkennen. Während in Washington vom Mittleren Osten die Rede ist, spricht man hier zu Lande vom Nahen Osten.
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