Kommentar von Alexander Pausch
Zschäpe inszeniert sich letztmals als Herrin des Verfahrens

Mit ihrem beharrlichen Schweigen hat die Hauptangeklagte im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München, Beate Zschäpe, immer wieder versucht, das Verfahren zu dominieren. Weitgehend vergeblich. Zwar sorgte ihre Aussageverweigerung für Frust und Unmut bei den Angehörigen der Opfer und in der breiten Öffentlichkeit. Doch genutzt hat ihr Schweigen der mutmaßlichen rechtsextremistischen Terroristin nicht. Ebenso wenig wie ihre Hinweise, sie wolle ja aussagen, doch dem stünden ihre Verteidiger im Weg. Wenn es Beate Zschäpe eine Herzensangelegenheit wäre, reinen Tisch zu machen, hätte sie dies nur zu tun brauchen.

Im Lauf der mehr als 240 Verhandlungstage dürfte Zschäpe immer klarer geworden sein, dass sie an einer möglichen Verurteilung wegen einer Mittäterschaft an den Taten der NSU - zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle - nicht vorbeikommen wird.

Nun inszeniert sich Beate Zschäpe letztmals mit Hilfe ihres neuen, nunmehr vierten Verteidigers Mathias Grasel als Herrin des Verfahrens. Allerdings nur für die Öffentlichkeit. Denn vom Schweigen der Hauptangeklagten ließen sich bisher weder die Staatsanwaltschaft noch Richter Manfred Götzl beeindrucken. Mit ihrer Aussage morgen hat Zschäpe die letzte Chance, dies doch noch zu tun. Für die 40-Jährige dürfte es nicht nur darum gehen, eine Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu vermeiden, sondern auch eine Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Dabei könnte Beate Zschäpe viel erzählen - etwa über die tatsächliche Größe der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Oder darüber, wie es ihr, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelang, so lange Polizei und Verfassungsschutz zu narren. Und: Ob und welche Verbindungen es aus dem NSU-Umfeld zum Inlandsgeheimdienst gab. Zschäpe könnte Licht ins Dunkel bringen. Doch ist sie wirklich willens, die nun geweckten Erwartungen zu erfüllen? Nicht nur die Angehörigen der Opfer hoffen darauf.

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