Kommentar von Alexander Rädle
Ungarns Strategie verlagert Probleme, löst sie aber nicht

Einen Zaun hochziehen und alle, die ihn durchbrechen, in Gefängnisse stecken. Für diese Strategie hat sich Ungarn entschieden - vereinfacht ausgedrückt. Stacheldraht und Gitter zur Abschreckung nach außen. Ein Symbol der Stärke nach innen - ein vermeintliches.

Denn nahezu jedes Hindernis ist überwindbar. Selbst den technisch hochgerüsteten 1125 Kilometer langen Zaun zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika überwinden jedes Jahr geschätzt 350 000 Migranten aus Lateinamerika. Der Stacheldraht zwischen Ungarn und Serbien ist einer der verzweifelten nationalstaatlichen Versuche, etwas Ordnung in die Flüchtlingstragödie zu bringen.

Wer sich von Syrien oder Afghanistan bis nach Europa durchgeschlagen hat, wird sich auch von Stahlstäben nicht abhalten lassen. Zumal Tausende vor dem Zaun warten - Tendenz steigend. Sie werden andere Wege finden, ihr Ziel zu erreichen. Links und rechts vorbei am 175 Kilometer langen Wall. Westlich über Kroatien etwa, oder östlich über Rumänien. So gesehen, mag der Zaun Europa Aufschub verschaffen. Aufschub, bis Flüchtlinge vermehrt über Tschechien und Polen kommen. Werden auch diese Länder mit Zäunen reagieren? Wird dann Deutschland an seinen Ost-Grenzen ebenfalls Kontrollen einführen?

Kontrollen helfen immerhin, den Ansturm in geordnete Bahnen zu lenken. Die anarchischen Zustände, wie sie noch bis zum Wochenende in München herrschten, sind damit passé. Ein Zaun jedoch verlagert die Anarchie nur - vor den Zaun.

alexander.raedle@derneuetag.de
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