Kommentar von Alexander Rädle
Wer Rechte in Anspruch nimmt, dem darf nicht der Tod drohen

"Fluctuat nec mergitur." Karikatur: Heiko Sakurai
"Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewissen Leuten die Freiheit genommen wird, alles zu tun." Gesagt hat das ein Journalist und ein Politiker - in Personalunion: Louis Terrenoire. Der Franzose war Gewerkschaftsführer, Journalist und Regierungssprecher von Charles de Gaulle. Er wusste, was er sagte.

Zeitung, Fernsehen, Magazine - egal ob gedruckt oder digital - stehen in den westlichen Staaten unter dem besonderen Schutz der Verfassungen. In Deutschland regelt das Grundgesetz dies gleich ganz vorne, in Artikel 5. Dort heißt es: "Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."

Eine freie Presse beleuchtet Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Sie analysiert - im Idealfall mit kritischer Distanz. Sie gibt Orientierung, eröffnet Sichtweisen. Sie berichtet über Schönes. Sie prangert Missstände an. Sie deckt Fehlentwicklungen auf. Und sie darf auch spotten, karikieren, zuspitzen. Für Journalisten ist das ein Privileg, eine Aufgabe, eine Pflicht und eine Berufung. Eine Berufung, für die die Mitarbeiter des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" sterben mussten. Sie waren unbequem. Sie wollten mit ihren provokativen Veröffentlichungen zum Nachdenken anregen. Auf diese Weise erreichten sie ein relativ überschaubares Publikum: 60 000 Exemplare umfasst die reguläre Auflage. Satire ist nicht jedermanns Sache. Man muss sie nicht mögen. Niemand wird gezwungen, Satire-Zeitungen zu lesen. Dennoch: Satire ist Bestandteil der Meinungs- und Pressefreiheit. Und diese haben sich viele Völker, zum Beispiel die Franzosen, hart erkämpft, oft in blutigen Revolutionen gegen Alleinherrscher und unterdrückerische Diktatoren.

Wer als Journalist die Hand in Wunden legt, verursacht Schmerzen. Er macht das aber nicht, weil er andere quälen will, sondern weil er seinen Job erledigt - und den will er nach bestem Wissen und Gewissen machen. Dafür muss er unter Umständen öffentliche Ächtung in Kauf nehmen - einfach nur, weil er unbequem ist. Niemand darf aber um sein Leben bangen müssen, weil er seine Freiheitsrechte in Anspruch nimmt.

alexander.raedle@derneuetag.de
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