Kommentar von Alexander Rädle
Zahlenspielereien stellen Menschen in den Hintergrund

Arbeitgeber und Beschäftigte demonstrieren Seite an Seite - eine Konstellation mit Seltenheitswert. Bei den Krankenhausprotesten in Berlin geht es allerdings bei weitem nicht nur um die Wahrung von Eigeninteressen, es geht auch und vor allem um die gesundheitliche Versorgung der Menschen. Die Kliniken kritisieren nicht zu Unrecht die Unmengen von Regeln, Gesetzen und Verträgen, die sich erfüllen müssen - zu Konditionen, die von anderen diktiert werden. Denn für definierte Leistungen bekommen die Kliniken von den Krankenkassen festgelegte Sätze. Darunter leiden vor allem die in Bayern weit verbreiteten kleinen Häuser, die im Vergleich zu großen Konzernen weniger Synergieeffekte erzielen können.

Die Krankenkassen argumentieren, es gebe im Freistaat ein Überangebot. Eine nüchterne statistische Zahlenanalyse auf dem grünen Tisch mag das vielleicht bestätigen. Aber Durchschnittswerte berechnen sich immer auch aus Höchst- und Niedrigstwerten und sind dementsprechend wenig hilfreich. Besser wäre festzustellen, wo es tatsächlich Überkapazitäten gibt. Auf keinen Fall darf passieren, dass ganze Landstriche klinikfrei werden, um so einige Betten in Großstädten zu erhalten. Wie schnell angebliche Überkapazitäten nicht einmal ausreichen, zeigen regelmäßig wiederkehrende Grippewellen.

Wichtig scheint vor diesem Hintergrund: Die medizinische Behandlung darf nicht ausschließlich Zahlen untergeordnet werden. Genau diesen Eindruck erwecken Kassen, wenn sie mit Unterschieden von 0,5 Prozentpunkten argumentieren. Um exakt diesen Wert liegt nämlich die Bettenauslastung in Bayern unter dem Bundesdurchschnitt.

alexander.raedle@derneuetag.de
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