Kommentar von Clemens Fütterer
Ermattung des Christentums ohne islamisches Zutun

Glühend beschwören die Protagonisten von Pegida und Co. - als selbst ernannte Retter des Abendlands - eine drohende Islamisierung Europas und den Untergang "christlicher Werte". Die religionspolitische Drohkulisse ausgerechnet aus der rechten Ecke ist schon scheinheilig genug. Völlig lächerlich wird es, wenn dazu die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten als Schuldige für das Zurückdrängen des Christentums herhalten müssen. Denn ohne irgendwelche autoritäre und repressive Zwänge, in einer der freiheitlichsten Gesellschaften der Welt, sind die großen christlichen Religionsgemeinschaften seit Jahrzehnten dabei, sich als Volkskirchen selber abzuschaffen.

In den neuen Bundesländern gehört nicht einmal mehr jeder Vierte der katholischen oder evangelischen Kirche an, in den alten Bundesländern sind es immerhin zwei Drittel. Nur noch jeder zehnte Katholik besucht am Sonntag den Gottesdienst. 2014 kehrten 218 000 Menschen (plus 22 Prozent) der katholischen Amtskirche den Rücken. Innerhalb von nur 15 Jahren sank die Zahl der Priester von 13 000 auf 9000. Bei den Protestanten sieht die Lage nicht viel besser aus. Selbst in ländlichen Regionen zeigen Taufen und Hochzeiten oft einen eher traditionellen Charakter, weil die christliche Zeremonie "halt dazu gehört". Der Sinn christlicher Fest- und Feiertage entleert sich. Und wo der Glaube schwindet, ist der Aberglaube nicht mehr weit und die Esoterik boomt. Die fortschreitende Säkularisierung führte zum wohl tiefgreifendsten "inneren" Wandel der Gesellschaft seit Bestehen der Bundesrepublik.

Die Ermattung des Christentums ist hausgemacht. Ohne Zutun des Islam. Mit dem Zustrom der Asylbewerber hat diese Kraftlosigkeit gar nichts zu tun. Die vermeintliche Stärke (und ideologische Schärfe) des Islam macht die christliche Schwäche nur umso deutlicher.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
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