Kommentar von Clemens Fütterer
Wirtschaftliche Leistungskraft als Basis des Gesundheitssystems

Achtbar kommt das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich weg. Wer einmal als Urlauber im mittleren und südlichen Italien oder in Großbritannien ernüchternde Erfahrungen in Krankenhäusern sammelte, weiß den komfortablen medizinischen Standard in Deutschland zu schätzen: Kaum Wartezeiten (auch wenn dies subjektiv vielleicht anders empfunden wird), geringe finanzielle Eigenleistung und beachtliche Wahlmöglichkeiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dieses Niveau hat jedoch seinen Preis.

2013 war den Deutschen die Gesundheit immerhin elf Prozent des Bruttoinlandprodukts wert. Jeder gesetzlich und privat Versicherte weiß ein Lied von der Beitragsbelastung zu singen. Die wirtschaftlich erfolgreichen Deutschen können und wollen sich diese medizinischen Leistungen leisten. Viel hilft bekanntlich viel ... Die ökonomische Potenz bildet gleichsam das Fundament des Gesundheitswesens. So lange die Geschäfte brummen, funktioniert auch das System.

Der (relativ) breite Wohlstand weckt durchaus Begehrlichkeiten, etwa der Pharmaindustrie. Fast nirgendwo in den Industrieländern sind die meisten Arzneimittel so teuer, wird so viel operiert und gibt es so zahlreiche Arztbesuche wie in Deutschland. "Überdiagnose" und "Übertherapie" sind längst keine Fremdwörter mehr. Das System will gefüttert werden. Was haben Deutschland, Österreich und die Schweiz gemeinsam? Die enorme Zahl von Hüftgelenks-Operationen. Sie symbolisieren die gesundheitliche Prosperität.

clemens.fuetterer@derneuetag.de
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