Kommentar von Frank Stüdemann
"Kollateralschäden" mit absehbaren Folgen

Ausgerechnet. Als ob die Meldungen, die in den vergangenen Tagen aus Kundus drangen, nicht schon dramatisch genug waren: Erst eroberten die Taliban die nordafghanische Provinzhauptstadt, dann erkämpfte sich das Militär die Kontrolle zurück. Und jetzt diese Hiobsbotschaft. Ein Ort, an dem selbstlose Ärzte hilflosen Menschen das Leben retten - zertrümmert bei einem Luftangriff. Es spielt fast schon keine Rolle mehr, ob es tatsächlich Flugzeuge der USA waren, die den Tod für 22 Patienten und Helfer brachten. Das macht die Opfer nicht mehr lebendig.

In kalter Beamtensprache rechtfertigt das US-Militär die Attacke gegen eine nicht näher genannte "Bedrohung" und räumt mögliche "Kollateralschäden" ein. Tatsächlich fällt es leichter, von einem tragischen Versehen auszugehen, von einem Fehler, den Unschuldige mit dem Leben bezahlten. Was aber, wenn diese "Kollateralschäden" ganz bewusst in Kauf genommen wurden? Das Traurige ist: Das darf niemanden überraschen.

Denn die Tragödie von Kundus zeigt einmal mehr, was Krieg heute bedeutet: ein zynisches Abwägen von Schaden und Nutzen, ein verlustreiches Dauerbombardement auf ferne Länder, in denen der islamistische Terrorismus an seinen Wurzeln gepackt werden soll. Auch der Einsatz des russischen Militärs in Syrien wird vor allem eines erreichen: Der "Kollateralschaden" wird wachsen, die Zahl der zivilen Opfer ebenso - und damit der Druck auf die Überlebenden, ihre geschundene Heimat Hals über Kopf zu verlassen. Und das macht aus Sicht der Verantwortlichen wohl auch die Flüchtlingskrise zum Teil des "Kollateralschadens".

frank.stuedemann@derneuetag.de
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