Kommentar von Frank Stüdemann
Paris ändert gar nichts: Der Terror darf nicht gewinnen

Pietät? Fehlanzeige. Anstand? In Luft aufgelöst. Es dauerte am Freitagabend nur wenige Minuten, bis die Scharfmacher die sozialen Netzwerke nutzten, um ihre Interpretation der Anschläge von Paris einem begierig wartenden Publikum anzubieten. Während die halbe Welt noch versuchte, sich ein Bild von der chaotischen Lage in der französischen Hauptstadt zu machen, während gesicherte Informationen noch rar waren, fingen sie schon an, mit dem Finger zu zeigen - auf die Flüchtlinge im Allgemeinen, auf die Muslime unter ihnen im Besonderen. Die Blutlachen der Opfer waren noch nicht getrocknet, da gossen sie bereits verbales Öl ins Feuer von Angst und Verunsicherung.

Es ist vollkommen richtig, dass im Zusammenhang mit der stetig wachsenden Zahl von Asylsuchenden auch die Frage nach der Sicherheitslage in der EU gestellt werden muss. Aber doch nicht im Nachhall von feigen Anschlägen wie diesen, bei denen kaltblütig wehrlose Menschen erschossen und in die Luft gejagt wurden. Schon aus Respekt vor den Toten und Verletzten und deren Angehörigen hätte es sich gehört, Terroristen und Flüchtlinge nicht in einen Topf zu werfen.

Die traurige Wahrheit ist doch die: Der islamistische Terror braucht keinen Flüchtlingsstrom, um Europa zu erreichen. Ein Flüchtlingsstrom obendrein, den er selbst mit ausgelöst hat: Syrien, Somalia, Irak, Afghanistan - hier passiert, was in Paris passiert ist, hundertfach immer wieder, seit Jahren.

Wenn ein christlicher Politiker wie Markus Söder dann über Twitter verbreitet, Paris ändere "alles", und die Tragödie für seine Forderung nach einer stärkeren Regulierung von Zuwanderung missbraucht, kann man ihm nur antworten: Paris ändert gar nichts. Jedenfalls nicht an unseren christlichen Grundwerten und am Prinzip der Nächstenliebe. Sonst hätte der Terror endgültig gewonnen.

frank.stuedemann@derneuetag.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.