Kommentar von Frank Werner
Abschied von einer deutschen Instanz

Die Menschen hörten Helmut Schmidt gerne zu. Aufmerksam, nachdenklich. Je älter der Hanseat wurde, umso größer wurde die Verehrung für den Altkanzler. Seine ruhige Art, die klugen Sätze, die bedachten Äußerungen werden fehlen. Es ist niemand auf der politischen Bühne in Sicht, der ein solches Charisma verkörpert. Mit dem Tod von Schmidt verliert Deutschland einen großen Staatsmann und einen unverwechselbaren Typen.

Unbequem war Helmut Schmidt bis zuletzt. Und das nicht nur, weil er auf jedes Rauchverbot pfiff. Der SPD-Politiker ließ sich nicht durch vermeintlichen "Mainstream" beirren, setzte auch in der eigenen Partei unpopuläre Entscheidungen durch.

Der von ihm forcierte Nato-Doppelbeschluss trieb Hunderttausende Demonstranten auf die Straße. Die Aufrüstung mit Pershing-II-Raketen war in den 1980er Jahren höchst umstritten. Dass sie weitreichende Abrüstungsabkommen zur Folge hatten, ahnte wohl nur der Visionär Schmidt.

Der Hamburger als großer Macher: Es bleiben die Bilder haften, als er als Innensenator seiner Heimatstadt die Hochwasserkatastrophe von 1962 meisterte. Seine schwerste Herausforderung ist der Terror der RAF. Der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen, lautet Schmidts Maxime. Mit dieser unerschütterlichen Haltung und hanseatischer Hartnäckigkeit zwingt er die Terroristen in die Knie. Der hohe Blutzoll bedrückte den 96-Jährigen aber bis zum Schluss.

In den letzten Jahren befindet sich Schmidt auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Weil er kein "Fahnerl im Wind" ist, sondern stand- und charakterfest, pflichtbewusst, pragmatisch. Die Sehnsucht nach einem wie Helmut Schmidt ist ein trauriger Beleg für die aktuelle Schwäche der Politikerkaste. Mit ihm geht eine Instanz. Deutschland ist ein großes Stück ärmer geworden.

frank.werner@derneuetag.de
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