Kommentar von Frank Werner
Gefährliche Selbstzerfleischung zweier Schwesterparteien

Angela Merkel hütet ihr Innenleben so sicher wie Fort Knox sein Gold. Sie wirkt dabei manchmal wie eine Gefangene ihrer Emotionen. Gefühlsausbrüche bei der Kanzlerin - eigentlich undenkbar. Eigentlich. Horst Seehofer hat sie dazu gebracht, zumindest ein klein wenig die Contenance zu verlieren. "Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Dieser Satz Merkels vom Dienstag sagt viel über ihr Verhältnis zum bayerischen Ministerpräsidenten aus.

Merkel zielt auf die Flüchtlingspolitik Seehofers, der ihre Öffnung der Grenzen als Fehler, "der uns noch lange beschäftigen wird", beschimpft hat - auch nach der Einführung der Kontrollen. Der CSU-Vorsitzende fühlt sich als Sprachrohr der oft zitierten Stammtische, denen die neu entdeckte Willkommenskultur in Deutschland schon lange viel zu weit geht.

Es ist ein brisanter Machtkampf zwischen den Unionsspitzen, der sich hier abspielt. Und es ist ein Duell, auf das Deutschland absolut verzichten kann. Merkel weiß natürlich auch, dass die Bundesrepublik nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen kann. Ebenso ist sie sich bewusst, dass mit rechtspopulistischen Tönen die Probleme nicht gelöst werden.

Die Krise hat Deutschland längst überrollt. Der große Lösungsansatz und der breite Konsens sind weit und breit nicht zu sehen. Im Alleingang geht sowieso nichts, auch wenn die Bundeskanzlerin immer wieder betont: "Wir schaffen das." Eine Selbstzerfleischung der Unionsschwestern wäre in dieser Situation eine Katastrophe und erst recht Nahrung für die Parteien am rechten Rand.

frank.werner@derneuetag.de
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