Kommentar von Frank Werner
Warum die westliche Welt mit Assad sprechen muss

Die Herrschaft von Baschar al-Assad ist mit Blut getränkt. Syriens Machthaber ist ein grausamer Despot. Seine Gräueltaten erschüttern seit Jahren die Welt, Assad terrorisiert sein Volk, vier Millionen Menschen haben das Land bisher verlassen. Und mit diesem Typen will Angela Merkel also jetzt tatsächlich verhandeln und damit eine radikale Kehrtwende in der deutschen Außenpolitik vollziehen? Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, aber er ist alternativlos: Ja, das Gespräch mit dem Diktator muss gesucht werden.

Völlig klar ist: Reden bedeutet nicht gleich, die Hand zu reichen. Und schon gar nicht ein Freisprechen von Schuld. Angela Merkel weiß um die Symbolik möglicher Bilder, um die Raffinesse des syrischen Machthabers. Aber eine wie auch immer geartete Lösung des Dramas in dem arabischen Land geht nicht ohne Assad.

Die westlichen Staatschefs wissen, dass sie im fünften Jahr der syrischen Katastrophe nur noch die Wahl haben zwischen einer schlechten und einer noch schlechteren Option - dem Triumph der Terrorbande des Islamischen Staates. Es geht nicht um ein Festzurren der Macht Assads. Es geht um eine Befriedung der Region. Um die Eskalation der Gewalt nicht immer weiter zu treiben, muss der diplomatische Strohhalm ergriffen werden.

Der russische Präsident Wladimir Putin treibt derweil sein eigenes Spiel. Er bringt seine Truppen und modernste Waffen in Stellung, verhandelt mit Assad-Gegnern wie Saudi-Arabien. Auch Putin muss mit ins Verhandlungs-Boot, selbst wenn er mit seinem Aktionismus nur von der schwelenden Ukraine-Krise ablenken will.

Es gibt keine Alternative zur neuen Strategie von Angela Merkel. Bitter, dass diese Reißleine ohnehin schon viel zu spät gezogen wird.

frank.werner@derneuetag.de
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