Kommentar von Gabriele Weiß
Angela Merkel und der Fluch der guten Tat

Es hätte so schön sein können. Im September zeigte Deutschland sein freundlichstes Gesicht seit der Fußballweltmeisterschaft 2006. Die Kanzlerin persönlich traf die mutige - und eigenwillige - Entscheidung, Tausende in Ungarn gestrandeter Flüchtlinge in der Bundesrepublik aufzunehmen: Ein neues deutsches "Sommermärchen" begann.

Vom Zauber des Sommers ist jetzt, kurz vor Beginn des Winters, nicht mehr viel übrig. Während im Märchen aus Aschenbrödel eine strahlende Prinzessin wird, scheint Angela Merkel gerade den umgekehrten Weg zu gehen. In der Bevölkerung wächst nicht erst seit den Terroranschlägen von Paris die Skepsis gegenüber der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin.

Die bekommt in einem stürmischen Herbst von allen Seiten Gegenwind. Auch auf dem CSU-Parteitag am Wochenende könnte es sehr ungemütlich für Frau Merkel werden. Befürwortet der CSU-Vorstand doch eine restriktive Flüchtlingspolitik mit festen Aufnahme-Obergrenzen und stark eingeschränktem Familien-Nachzug. Die Kanzlerin indes hält davon gar nichts und eisern an ihrem Kurs fest. Wer in Deutschland Hilfe sucht, der soll nicht abgewiesen werden. "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen", das ist mit der Kanzlerin nicht drin.

Horst Seehofer spielt in dieser verfahrenen Situation sicher nicht den rettenden Prinzen. Seine CSU gefällt sich momentan viel zu gut in der Rolle der kleinen Stiefschwester der CDU, die ihr Aufmerksamkeit und ein geschärftes Profil verschafft. Die Delegierten werden dem Parteivorstand folgen und für eine härtere Gangart in der Flüchtlingspolitik stimmen. Angela Merkel leidet unter dem Fluch der guten Tat: Das Leben ist eben kein Märchen.

gabriele.weiss@derneuetag.de
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