Kommentar von Gabriele Weiß
Beim Helfen bitte an alle denken

Jeder fünfte Deutsche hat schon einmal Flüchtlingen geholfen - dieses Umfrageergebnis ist beeindruckend. Überall wird betont, wie wichtig es sei, die Neuankömmlinge in die Gesellschaft zu integrieren, ihnen zügig angemessenen Wohnraum zu schaffen, sie möglichst schnell in ordentliche Jobs zu vermitteln und durch gezielte Förderung dafür zu sorgen, dass gerade die Kinder eine Perspektive haben.

Das ist gut so und das ist ein Zeichen großer Menschlichkeit. Es bleibt die Frage: Warum ist die Bereitschaft, sich für andere Bedürftige in unserer Gesellschaft zu engagieren, weit weniger ausgeprägt? Schon seit Jahren hat sich der Staat zum Beispiel aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen. Inzwischen geben private Haushalte in Deutschland ein Drittel ihres Einkommens fürs Wohnen und Heizen aus. Das ist gerade für Familien mit wenig Geld ein großes Problem.

Auch Alleinerziehende haben es nicht leicht. Ihre Kinder sind überdurchschnittlich häufig von Armut bedroht oder bereits betroffen. Und sie sind längst keine Randgruppe mehr, sondern zählen Millionen. Doch während es binnen kurzem mehrere Initiativen gab, private Wohnungen für Flüchtlingsfamilien anzubieten, hat man von ähnlichen spontanen Aktionen für Ein-Eltern-Familien noch nie gehört.

Es geht nicht darum, hilfsbedürftige Flüchtlinge gegen andere gesellschaftliche Gruppen auszuspielen. Aber es stellt sich doch die Frage, warum sich über die einen gerade eine Flut von Hilfsbereitschaft ergießt, während andere im stummen Einvernehmen jahrelang von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen und an den Rand gedrängt werden.

Bitte, liebe Politiker, bitte liebe Bürger: Denkt an alle und nicht nur an die, die gerade die größten Schlagzeilen machen, die gerade nicht zu übersehen sind. Hilfe haben alle verdient, die sie brauchen. Wenn das klappt, wäre dies ein schöner Nebeneffekt der aktuellen Flüchtlingskrise.

gabriele.weiss@derneuetag.de
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