Kommentar von Gabriele Weiß
Die Devise sollte lauten "Wir schaffen das - ab!"

Deutschland ist ein reiches Land: Wie eine Monstranz tragen Politiker diesen Satz vor sich her, gerade auch in der aktuellen Flüchtlingskrise. Und natürlich haben sie damit Recht - die deutsche Volkswirtschaft rangiert weltweit an vierter Stelle, innerhalb Europas nimmt sie gar den Spitzenplatz ein.

Wahr ist aber auch: In Deutschland ist der Wohlstand höchst ungleich verteilt. Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen 60 Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld. Zudem hat sich die Schere zwischen Arm und Reich seit den 1980-er Jahren kontinuierlich geöffnet, und es ist keine Besserung in Sicht.

16,5 Millionen Menschen sind nach den neuesten Erhebungen hierzulande von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist ein Fünftel der Bevölkerung. Ein Fünftel, das immer weiter abgehängt wird; ein Fünftel, das kaum Chancen hat, seiner Lage zu entkommen; ein Fünftel, das sich von der Mainstream-Politik vergessen fühlen wird. 16,5 Millionen Menschen stellen wahrlich keine "Randgruppe" mehr dar. Ein solches Millionenheer an Bedürftigen ist ein gewaltiger Schönheitsfehler im wohlfeil verbreiteten Bild des "reichen Landes". Nein, es ist mehr als das - es bedroht auf Dauer den sozialen Frieden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

"Wir schaffen das", sagt Angela Merkel unverdrossen, wenn es um die Bewältigung der Flüchtlingskrise geht. Ein schöner Satz aus dem Munde einer christlich-demokratischen Kanzlerin. Noch schöner wäre es, wenn sich Frau Merkel auch einmal derart plakativ zur Armut im Lande, das sie seit zehn Jahren regiert, äußern würde. Etwa so: "Wir schaffen das - ab." Endlich.

gabriele.weiss@derneuetag.de
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