Kommentar von Gabriele Weiß
Parolen sind das eine, Praxis ist das andere

Der nächste hohe Beamte wirft in der Flüchtlingskrise das Handtuch: Nach dem Chef des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) tritt nun auch der Präsident des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso), Franz Allert, zurück. Es blieb ihm allerdings kaum etwas anderes übrig, nachdem Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller öffentlich Allerts Entlassung gefordert hatte.

Mehr als eine Million Flüchtlinge sollen nach Angaben der bayerischen Sozialministerin Emilia Müller im Jahr 2015 bereits nach Deutschland gekommen sein. Das wäre ein Sechzigstel aller Menschen, die momentan weltweit auf der Flucht sind, und es wäre ein Achtzigstel der Bevölkerung unseres Landes. Vor diesem Hintergrund betrachtet erscheinen die langen Warteschlangen im Umfeld des Lageso schon weit weniger skandalös.

In Berlin hat die Kanzlerin im Spätsommer ihre Devise "Wir schaffen das!" ausgegeben. Angela Merkel wurde auch dafür vom amerikanischen "Time"-Magazin mit dem Titel "Persönlichkeit des Jahres" geehrt. Doch Merkel hätte ihren berühmten Satz eigentlich anders formulieren müssen: "Ihr schafft das!", sollte es ehrlicherweise heißen.

Leute wie Franz Allert finden sich nicht auf der Titelseite des "Time"-Magazins wieder. Was für Merkel eine bloße Parole, ist für sie eine handfeste Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. In der Praxis aber kann man viel schneller scheitern als in der Theorie. Allert hat dafür die Verantwortung übernommen. Das verdient Respekt - ob der Rücktritt die Probleme am Lageso löst, ist eine andere Sache. Denn nur Symptome zu lindern statt Ursachen zu bekämpfen, das war noch nie eine besonders kluge Strategie.

gabriele.weiß@derneuetag.de
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