Kommentar von Gabriele Weiß
Putin verstehen, ohne "Putin-Versteher" zu sein

Wenn Wladimir Putin als Staatspräsident eine Rede an die Nation hält, dann wird man eins darin vergeblich suchen: politisch korrekte Sprache. Kaum vorstellbar, dass ein westlicher Regierungschef es wagte, sich ähnlich unverhohlen und aggressiv zu äußern. In Russland aber gelten andere Regeln.

Die alte Sowjetunion mag vergangen sein - ein Teil des Westens wird das russische Riesenreich, das sich auf zwei Kontinente erstreckt, deshalb trotzdem nie. Wer Russland und seinen Präsidenten mit westlichen Maßstäben misst, der kann nur scheitern.

Man mag Wladimir Putin Großmannssucht vorwerfen und sich an seinem Macho-Gehabe stören. Doch genauso gut kann man dem Westen den Vorwurf machen, eine höchst egozentrische Sichtweise zu pflegen, die das Recht regelmäßig ebenso ausschließlich auf der eigenen Seite sieht, wie das die von ihm Kritisierten tun.

Das post-sowjetische Russland ist immer noch groß. Es hat aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen beispiellosen Machtverlust hinnehmen müssen. Die Russen mögen manches als Demütigung empfinden. Nicht zuletzt deshalb kommt die "Führernatur" Putin, die mit harter Hand regiert und keinen Konflikt scheut, im eigenen Volk gut an.

Auch wenn dem Westen das nicht gefällt: Wladimir Putin will auf Augenhöhe angesprochen werden. Man täte gut daran zu vermitteln, dass man Russland prinzipiell ernst nimmt. Ein "Putin-Versteher" ist man deshalb noch lange nicht.

gabriele.weiss@derneuetag.de
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