Kommentar von Gabriele Weiß
Streiks tun weh, doch das muss so sein

Unendliche Geschichte. Karikatur: Tomicek
Geduld und Leidensfähigkeit sind in jüngster Zeit gefragte Tugenden. Kommt die Post? Fährt die Bahn? Öffnet die Kita? So viel Streik war selten. Hat der Deutsche denn ganz vergessen, dass es seine erste Bürgerpflicht ist, jede Kröte zu schlucken, und zwar ohne aufzumucken?

Ausgerechnet die SPD unter Kanzler Schröder und ihre grünen Bündnispartner leiteten mit der "Agenda 2010" den Umbau der Republik ein. Weniger Sozialstaat, mehr Markt, das war der Plan.

Die Bürger machten lange weitgehend klaglos mit. Verzichteten auf Sozialleistungen und echte Lohnsteigerungen, akzeptierten Minijobs und steigende Abgaben. Zwölf Jahre hat alles bestens funktioniert. Finanzminister Schäuble, CDU, freut sich inzwischen tatsächlich über seine "schwarze Null".

Gibt der Staat davon etwas zurück? Es sieht nicht danach aus. Stattdessen sollen die Bürger noch für das überforderte Gemeinwesen in die Bresche springen, etwa bei der Betreuung von Flüchtlingen oder der Pflege von Angehörigen.

Auch wenn es unbequem ist, auch wenn es nervt - Streiks sind ein legitimes Mittel, um sich bemerkbar zu machen, Forderungen zu stellen und durchzusetzen. Streiks tun weh, doch das müssen sie. Sie sind der Gesellschaft bei allen Unbequemlichkeiten sicher zuträglicher als eine politische Radikalisierung. Denn auch dieses Gespenst geht um - in Deutschland nicht weniger als anderswo in Europa.

gabriele.weiss@derneuetag.de
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