Kommentar von Hans Klemm
Nach zu langem Zögern stellt sich die Türkei gegen den IS-Terror

Außenpolitische Kehrtwenden sind selten, die Türkei hat gerade eine solche vollzogen. Präsident Erdogan, treuer Nato- und US-Gefolgsmann, als es gegen den Irak ging, hielt sich beim Kampf gegen die Mörderbanden des "Islamischen Staates" auffällig lange zurück. Innenpolitisches Kalkül wog stärker als außenpolitische Verpflichtung. Die Kurden würden durch den Abnützungskrieg gegen den IS geschwächt, durch die halb verdeckte Unterstützung der Terrormiliz sein Land in Ruhe gelassen. Den Rest würden Amerikaner und ihre Verbündeten besorgen. Hauptsache, Syrien und Assad blieben schwach.

Diese Halbherzigkeit ist durch das Bombenattentat von Suruc bitter bestraft: Ein Zweites mag hinzukommen. Mit dem Atomabkommen kehrt der Iran zurück auf die internationale Bühne. Ein Rivale in der Region ist wieder salonfähig und kann die Vormachtträume des türkischen Präsidenten unterlaufen.

Also: Klare Kante zeigen, um auch innenpolitisch zu punkten. Bombenanschläge auf eigenem Boden gefährden den Tourismus, die gewalttätigen Proteste in Istanbul liegen so lange nicht zurück, als dass alle Wunden schon verheilt wären. Erdogan weiß zu genau, dass seine islamisch-konservative Partei AKP längst nicht mehr die Wählerschichten in den westlich geprägten Großstädten und in den Urlaubszentren erreicht. Auf Hinhaltetaktik und Duldung folgt nun "äußerste Härte". Hoffentlich nicht zu spät.

hans-klemm@t-online.de
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