Kommentar von Jürgen Herda
Fatale Sehnsucht nach dem Eisernen Vorhang

Realismus ist der Feind der Hysterie. Insofern ist es richtig, dass Horst Seehofer beim innerbayerischen Flüchtlingsgipfel in Ingolstadt die Probleme benennt und Lösungen zusammen mit den betroffenen Kommunen erarbeitet.

Man braucht nicht viel Fantasie, um vorherzusehen, dass der wachsende Strom an Flüchtlingen hierzulande zu enormen Belastungsproben führen wird: Es wird eng in den Mietshäusern, Schulen, vielleicht sogar in manchen Branchen. Und ja, es wird sich nicht verhindern lassen, dass unter einer Million Asylbewerbern nicht nur herzensgute Facharbeiter sind - entwurzelte Menschen egal welcher Nationalität am Rande der Gesellschaft sind anfälliger für Ideologien und Kriminalität.

Deshalb können das Programm, das der Ministerpräsident vorschlägt, parteiübergreifend alle Betroffenen mittragen: mehr Sprachkurse, mehr Personal fürs Bundesamt für Migration, mehr Lehrer, mehr sozialer Wohnungsbau - und auch hier gilt: für Zuwanderer wie Einheimische gleichermaßen. Das Problem beginnt außerhalb des bayerischen Wirkungskreises.

Es ist eine Farce, dass deutsche Bundesländer nicht selbstverständlich ihre Aufnahmequote erfüllen. Und es karikiert die Europäische Idee bis ins Unkenntliche, wenn sich eine Reihe von Staaten, die von der EU auf vielen Feldern profitieren, vergeblich bitten lässt, überhaupt Flüchtlinge aufzunehmen. Statt einen faschistoiden Ministerpräsidenten wie Viktor Orban zu hofieren, sollte Seehofer besser fragen, ob Ungarn den Eisernen Vorhang mit allen Konsequenzen zurück haben möchte - inklusive Ende des freien Personen- und Warenverkehrs.

juergen.herda@derneuetag.de
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