Kommentar von Martin Bink
Eine Aufgabe für Herkules

Ein neuer Herr hat bald das Sagen in Soll und Haben, in den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Frankfurt. Der Brite John Cryan übernimmt das Ruder bei Deutschlands wohl berühmtestem Finanzkonzern. Ob er den Dampfer mit weltweit knapp 99 000 Mitarbeitern in ein ruhiges Fahrwasser steuern kann, muss sich noch zeigen. Zumindest kennt er sich aus mit Skandalen. Denn die Schweizer UBS, bei der Cryan jahrelang Finanzvorstand war, hat - ebenso wie die Deutsche Bank - für eine erkleckliche Anzahl an Verfehlungen finanziell kräftig bluten müssen.

Die Deutsche Bank hat das größte Grundkapital, über das eine Bank verfügen kann, das Vertrauen, in den vergangenen Jahren fast vollständig verspielt. Bei den Mitarbeitern, die unter den Co-Chefs wohl nicht so recht wussten, wohin die Reise geht; bei den Privatkunden, die sich mal als erwünscht, mal als nicht mehr erwünscht fühlen dürfen; in der Öffentlichkeit, die mit dem Namen Deutsche Bank inzwischen den Begriff Zockerbude verbindet, und nicht zuletzt bei den Eigentümern der Bank, den Aktionären, die den derzeitigen Börsenkurs für beschämend niedrig halten.

Dieses verspielte Vertrauen wieder zu gewinnen, ist Cryans Hauptaufgabe. Es ist eine Herkules-Aufgabe. Wenn ihm das nicht gelingt, ist es mehr als sein persönliches Scheitern. Denn dann steht auch zu befürchten, dass eine bald 150-jährige Firmengeschichte in Deutschland sich ihrem Ende zuneigt.
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