Kommentar von Stefan Zaruba
Diplomatin im Inland: Merkel und die Stromtrassen

Auf dem Prüfstand. Karikatur: Tomicek
Angela Merkel hat mit ihrem außenpolitischen Vielfliegerprogramm Maßstäbe gesetzt. So hektisch die Terminabfolge war, es ging auch um Entschleunigung: Zeit gewinnen im ersten Schritt. Das sollte die Gemüter in der Ukraine-Krise besänftigen. Das musste Athen über Wasser halten, bis alle Beteiligten sachlich und lösungsorientiert miteinander sprechen.

Auch bei den innenpolitischen Krisenherden setzt die Chefdiplomatin auf den Faktor Zeit. Eine Entscheidung zum Mindestlohn ist vertagt. Das heiße Eisen Stromtrassen haben die Koalitionäre ebenfalls nicht angefasst. Der Atomausstieg nach Fukushima konnte Merkel nicht schnell genug gehen. Jetzt soll in der Energiewende alle Zeit der Welt vorhanden sein. Zumindest nach Lesart der Regierungschefin. Deren Vizekanzler Energieminister Sigmar Gabriel widerspricht glatt.

Zeit zu schinden, um einen Streit nicht weiter eskalieren zu lassen, kann ein guter Ansatz sein. Die Kunst ist, die gewonnene Zeit zu nutzen - mit stiller Diplomatie hinter den Kulissen. Nur wenn es in den nächsten Wochen gelingt, einen tragfähigen Kompromiss zu den Stromtrassen auszuhandeln, kommt Merkel um etwas herum, was sie in der Innenpolitik tunlichst vermeidet: Stärke zeigen und ein Machtwort sprechen.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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