Kommentar von Stefan Zaruba
Keine Vorschlag-Hammer: Die Koalition muss miteinander reden

"Kakophonie" hat es im Jahr 2002 in die Top 5 bei der Wahl zum "Wort des Jahres" geschafft. Schon Kanzler Gerhard Schröder hatte seinerzeit seine liebe Not mit dem schrillen Stimmengewirr in der Koalition, welches ihm ein Durchregieren verleidete. In Angela Merkels Regierungsbündnis sind die verbalen Missklänge zu einer selten da gewesenen Lautstärke angeschwollen. Weniger Harmonie als zwischen Merkels "Wir schaffen das" und Horst Seehofers "Notwehr"-Drohungen ist schwer vorstellbar.

Auch die SPD, die sich gerne als der bessere Klangkörper in der Flüchtlingsdebatte verkaufen möchte, zeigt sich vielstimmig. Dass sich Parteichef Sigmar Gabriel im ZDF-Interview für manchen Zuschauer im Ton vergriffen hat, ist dabei nicht das Problem. Gabriel hat nichts Ungebührliches gesagt, nur eben gereizt reagiert. Das gehört zum Reiz eines Interviews. Bedenklicher für ihn sollte sein, wie seine Partei im Spannungsfeld zwischen Merkel und Seehofer versucht, die eigene Tonlage zu finden. Zum Thema Transitzonen verbirgt Generalsekretärin Yasmin Fahimi zwar ihre Skepsis nicht, fordert aber auch, dass niemand solche Vorschläge sofort "aus der Hand schlagen" sollte. Dumm nur, dass namhafte Parteifreunde von Bayern bis Berlin genau das zeitgleich und wortreich taten.

Freilich ist die Idee nicht ausgereift. Und tatsächlich lässt die Fantasie Spielraum, was eine Transitzone sein könnte. Die praktischen, rechtlichen und humanitären Fragen, die sich stellen, sind schwerwiegend. Und wie immer geartete Durchgangslager können auch nur ein Baustein in der Bewältigung der Krise sein. Aber immerhin gibt es in der Koalition - selbst bei Seehofer - Ansätze, miteinander zu reden statt übereinander. Dass "die" sich einig werden, ist die Voraussetzung, wenn "wir" es schaffen sollen.

stefan.zaruba@derneuetag.de
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