Kulturstadt mit Schaumkrone

Martin Zrzavecký war vor seiner politischen Karriere als Manager in verschiedenen Unternehmen tätig. "Ich habe eine technische Ausbildung", ist der Sozialdemokrat stolz auf seine praktische Ader. "Im Prinzip höre ich jede Musikrichtung", lässt er sich in puncto Musikgeschmack nicht festlegen. "Im Auto gerne Mozart, aber auch Pink Floyd, Coldplay oder Nick Cave." Bild: Herda

Oberbürgermeister Martin Zrzavecký setzt auch in der Kulturpolitik neue sozialdemokratische Akzente: Mehr Populärkultur, weniger Elite, ist sein Motto. Das Kulturhauptstadtjahr soll zeigen, dass sich Qualität und Massengeschmack versöhnen lassen.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel für die neue Legislaturperiode?

Zrzavecký: Wir müssen uns mit der für das Kulturhauptstadtjahr geplanten, aber nicht realisierten Kulturfabrik in der ehemaligen Brauerei Svetovar auseinandersetzen. Unser Ziel ist es, dort einen Kreativ-Inkubator zu installieren. Nach der offiziellen Eröffnung der Kulturhauptstadt möchten wir gute Vorbilder dafür in Österreich und der Schweiz besichtigen. Wenn wir es geschafft haben, den technologisch-wissenschaftlichen Park zu etablieren, der sich selbst finanziert, sollten wir auch das hinbekommen.

Welche Bedeutung hat Kultur für Sie in auch gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht - würden Sie sagen, dass Sozialdemokraten den Kulturbegriff erweitern: weniger elitär, mehr Alltagskultur?

Zrzavecký: Ganz genau. Ich bin unheimlich froh, dass die Eröffnung jetzt so geplant ist, dass jeder daran teilnehmen kann - und nicht nur die Eliten. Ich war selbst an vielen Gesprächen auf EU-Ebene beteiligt. Zu Beginn waren meines Erachtens alternative Subkulturen überrepräsentiert. Ich komme aus der Wirtschaft, und habe meinen Gesprächspartnern deutlich gemacht: "Ihr müsst berücksichtigen, wie viele Leute ihr mit dem Programm ansprechen könnt."

Kulturhauptstadt war nicht unbedingt das Herzensanliegen der CSSD - hat sich das inzwischen verändert oder gibt es noch immer eine Aufgabenteilung, nach der Martin Baxa für das operative P15-Geschäft zuständig ist und Sie eher repräsentieren?

Zrzavecký: Man muss sich anschauen, worum es bei dem Projekt eigentlich geht. Es wurde oft als reines Kulturprojekt präsentiert. Es betrifft aber alle Tätigkeitsbereiche und in diesem Sinn haben wir es auch immer unterstützt. Nicht unterstützt haben wir den Neubau des Theaters oder den gescheiterten Versuch, eine Kulturfabrik in der alten Brauerei zu etablieren. Es zeigt sich nun, dass wir damit Recht hatten.

Inwiefern - freuen Sie sich gar nicht über das neue Theater?

Zrzavecký: Im Endeffekt finde ich es gut, dass das neue Theater steht, obwohl die Bürger gespalten sind. Viele Leute verstehen die moderne Architektur nicht. Das Meinungsbild haben auch Gesetze negativ beeinflusst, die obligatorisch verlangen, dass man sich bei öffentlichen Aufträgen immer für den niedrigsten Preis entscheiden muss - auch wenn dieser unrealistisch ist wie im Fall des Theaters. Die Stadträte hatten entschieden, dass es nicht mehr als 840 Millionen Kronen ohne Mehrwertsteuer kosten darf. Darauf folgte ein Angebot des später beauftragten Bauunternehmens mit 818 Millionen Kronen. Schon damals sagten Fachleute, wenn wir die hier beschriebenen Anforderungen drin haben wollen, muss man mit bis zu einer Milliarde Kronen rechnen.

Was müssen Gäste 2015 unbedingt gesehen haben - die Tipps des Oberbürgermeisters?

Zrzavecký: Zunächst einmal natürlich die feierliche Eröffnung in der historischen Altstadt. Da ist für jeden etwas dabei, auch wenn nicht alle Besucher auf dem Marktplatz Platz finden werden, wo etwa 20 000 Menschen drauf passen. Wir rechnen mit insgesamt 40 000 bis 50 000 Besuchern, die sich in der Stadt verteilen und über Großleinwände alles miterleben können.

Gibt es noch Hotelzimmer?

Zrzavecký: Man muss schnell sein, ich habe gehört, es gäbe noch einige freie Betten.

Zurück zu Ihren Tipps ...

Zrzavecký: Beeindruckend wird dieses Jahr unsere 70-Jahr-Feier zur Befreiung Pilsens am 1. Mai, die noch größer geplant ist als sonst. Da tritt die US-Band Lynyrd Skynyrd auf. Und ich bin sehr gespannt, was meine Kollegen in der alten ÖPNV-Zentrale veranstalten, die jetzt als alternativer Veranstaltungsort zur Kulturfabrik dient - für diese Improvisationskunst bekamen wir immerhin den Melina-Mercouri-Preis von der EU-Kommission verliehen. Und ich empfehle die Pariser Theatercompanie Royal de Luxe mit ihren riesigen Marionetten.

Warum steht eigentlich das Thema Zirkus so im Mittelpunkt - Marionetten hätten einen stärkeren Bezug zu Tschechien?

Zrzavecký: Ich war bei drei oder vier Tagungen des Kulturausschusses in Brüssel dabei. Bei der ersten haben die Leute gesagt, ihr dürft euch als Politiker nicht einmischen. Bei der nächsten haben sie den künstlerischen Leiter Petr Forman kritisiert, dass er bisher zu wenig Profil gezeigt habe. Das Projekt brauche eine Leitidee - was denn Formans Welt ausmache? Zirkus ist jetzt Formans Handschrift.

Jazz bez hranic, Jazz-Klubs, Pilsen ist auch eine Jazz-Stadt - kommt das im Programm zum Ausdruck?

Zrzavecký: Sicher, besonders im Sommerprogramm spielt Jazz eine wichtige Rolle - etwa beim Festival "Living Street". Und natürlich in den Kneipen und Musikklubs der Stadt.

Was wird nach 2015 vom Kulturhauptstadteffekt bleiben, was möchten Sie auch institutionell weiterführen?

Zrzavecký: Es muss weitergehen. Das A und O des Projekts ist die Nachhaltigkeit. Vordergründig ist für dieses Jahr neue Kultur in neuen Gebäuden entstanden. Die Zivilgesellschaft muss das jetzt nutzen. Vielleicht wird das Büro in veränderter Form weiterbestehen. Ich könnte mir vorstellen, einige Leute aus dem Kulturhauptstadtteam in die gemeinnützige Tourismusgesellschaft zu integrieren.

Wenn Sie einem Fremden Pilsen mit drei Begriffen erklären müssten, was würde Ihnen spontan einfallen?

Zrzavecký: Pilsen ist auf jeden Fall eine Maschinenbaustadt, eine Stadt, in der kluge Köpfe Ideen haben, daraus Produkte entwickeln, herstellen und verkaufen. Pilsen ist auch eine Sport- und Kulturstadt mit bedeutenden Kulturveranstaltungen und - als Schaumkrone oben drauf - eben auch eine Bierstadt.
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